Sex im Kopf. Alles über unsere geheimsten Phantasien


Emotionen, Ejakulat und erstes Mal

Über die Lust im Kopf, die Pornografisierung unserer Gesellschaft und die Fahndung nach dem G-Punkt. Drei Bücher über das Eine.

Dieses Buch ist das Ergebnis ihrer intensiven Auseinandersetzung mit dem Gegenstand", steht scheinbar ohne Ironie auf der Rückseite des knallroten Taschenbuchs "Der Tanz um die Lust". Unter diesem Titel schrieb Ariadne von Schirach bereits im Oktober 2005 im Spiegel einen Essay. Nun hat die deutsche Philosophiestudentin, Jahrgang 1978, ihre Thesen über Sex zu einem Buch ausgeweitet: unverblümt, manchmal widersprüchlich, doch stets in knackigen Worten. Party, Porno, F*****, Drogen – und andere Räusche, gelungene und schlechte Flirts oder auch der eigene, überwundene Komplex mit der Oberweite kommen aufs Tapet. Im deutschen Blätterwald rauscht es seither heftig, wobei sich die Frage stellt, ob bei Michel Houellebecq jemals Haarfarbe oder Klamotten bei Rezensionen zum Thema gemacht wurden.
Ein quasi archetypischer Freundeskreis in Berlin, der verschiedene Beziehungstypen repräsentiert, bildet den Rahmen um diese Mischung aus Essay, Analyse und Erfahrungsbericht, die öfter mit Kopfnicken quittiert werden muss. Vier Großkapitel über Pornografie, Erotik, Jagd (vulgo Partnersuche) und Liebe spiegeln nicht ganz zufällig auch Weiterentwicklungen im Beziehungsleben wider. Die junge Frau schleudert der übergeilen, Online-, On-demand-Gesellschaft ihre Thesen über die zunehmende Unfähigkeit zu fixen Bindungen entgegen. Etwa so: Pornos normieren Sex und Liebesromane Emotionen. Geldsorgen, gesundheitliche oder optische Probleme haben die Protagonisten nicht. Es quälen sie lediglich enttäuschte Gefühle. Wer sich nicht einlässt, bekommt auch nicht, was er braucht. Das ist alles nicht ganz neu, aber scharfzüngig und selbstironisch formuliert.

Alles über unsere geheimsten Phantasien" – der Untertitel klingt nach Übertreibung: lässt sich geheim überhaupt steigern? Das Vorwort ist zugleich ein Warnhinweis: "enthält eine große Anzahl sehr freizügig formulierter sexueller Fantasien". Der Autor und Psychotherapeut Brett Kahr hat eine großangelegte Studie (13.553 Fragebögen) zu den sexuellen Fantasien der Briten (British Sexual Phantasy Research Project) durchgeführt, deren saftige Ergebnisse er unverhohlen zwischen zwei Buchdeckel packt. Nach einer Einführung in die Vertraulichkeitsvorkehrungen, das Kopfkino an sich und wichtige Sexperten von Freud über Kinsey bis Friday, geht es kapitelweise zur Sache: homosexuelle Fantasien, mit Promis, mit Seitensprung, in Gruppen, Fetisch etc. Dazu gibt es immer einen Kommentar: Wozu das Ganze? Was steckt dahinter? Ist das normal? Ist das strafbar? Was ist, wenn ich das nicht habe? Muss man das in die Realität umsetzen? Dem Partner erzählen?
Schwarz auf weiß und ohne Zensur: Gewalt, Erniedrigung, Sex mit Tieren, Minderjährigen oder Verwandten. Die intimen Gedanken können Ekel, Verachtung, Mitleid, Überlegenheitsgefühle, Fantasien, Prickeln, Erregung oder gar einen Höhepunkt hervorrufen, sagt Karr. Ein einziger Selbsttest also. Kahr ist Freudianer. Wer mit Psychoanalyse nichts am Hut hat, sollte also vielleicht die Finger von dem Buch lassen. Und manchmal ist die Erklärung noch beunruhigender als die Fantasie selbst. Fazit: Wer's mag!

Astrid Kuffner in FALTER 12/2007



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