Nicht frei von Sünde

Benjamin Black, John Banville


"Im Leben passiert das nie"

John Banville hat einen Krimi geschrieben. Der "Falter" hat den irischen Schriftsteller gefragt, warum. Und wieso er von Kleist, Kafka und Bernhard besessen ist.

Vor zwei Jahren erhielt John Banville für seinen Roman "Die See" den Booker Prize – eine längst überfällige Beförderung in den Olymp der englischsprachigen Literatur, wie viele Kritiker meinten. Seit Banville Romane schreibt, 14 Stück seit 1971, ist er auch als mitunter scharfzüngiger Literaturkritiker tätig. Nun hat der 61-Jährige seinen ersten Krimi unter dem (nicht geheimen) Pseudonym Benjamin Black geschrieben: "Nicht frei von Sünde" (siehe Kasten).
Wir sind um 17.30 Uhr im Dunne & Crescenzi verabredet, einem italienischen Weinlokal im Zentrum Dublins. Um 17.40 Uhr tritt jemand ein, der wie John Banville aussieht, sich aber gar nicht umsieht, sondern sich gleich an einen freien Tisch setzt.

Falter: Mister Banville?
John Banville: Ja.
Wir sind verabredet.
(Leerer Blick, dann der Griff zum Terminkalender.) Da steht es. Warum können diese Dinger nicht sprechen? Tut mir sehr leid. Aber zumindest habe ich Ihnen jetzt schon den Anfang Ihrer Geschichte geliefert.
Ist das Ihr Stammlokal?
Nein, es ist reiner Zufall, dass ich heute zu diesem Zeitpunkt hierherkam.
Warum schreibt ein preisgekrönter Romanautor einen Krimi?
Die einfache Antwort ist, dass ich ein TV-Skript hatte, das nicht verwendet wurde. Ich las erstmals Georges Simenon und war hin und weg. Die Bücher waren direkt und vermeintlich einfach erzählt, und ich wollte Ähnliches schreiben.
Die komplizierte Antwort ist, dass ich einen radikalen Bruch benötigte. Ich musste wegkommen von der Erzählung in der Ich-Form, auch wenn ich mir gesagt habe, der Krimi sei nur ein jeu d'esprit.
Bietet Ihnen der Krimi als Genre etwas Besonderes?
Er ist abgeschlossen. Man sieht oft alte kleine Damen in Zügen sitzen, die die blutigsten Geschichten lesen, denn sie wissen von der ersten Seite an, egal, welche Rätsel ihnen begegnen, spätestens auf der letzten Seite wird alles aufgeklärt. Im Leben passiert das nie.
Was ist beim Krimischreiben anders?
Als John Banville schreibe ich zunächst mit Hand und übertrage das dann in den Computer. Das ist genau die richtige Geschwindigkeit für das Schreiben. Der Computer ist zu schnell. Als Benjamin Black habe ich das etwa für das erste Drittel so gehandhabt und bemerkte dann: Das ist nicht schnell genug. Also habe ich den Rest direkt in den Computer reingeschrieben.
Ich habe es sehr genossen, ich wusste ja vorher nicht, ob ich es konnte. Wenn ich als John Banville pro Tag 200 Worte schaffe, schätze ich mich glücklich. Als Benjamin Black schaffe ich bis zu 3000. Das Krimischreiben ist Handwerkskunst, ist wie einen Tisch oder Stuhl zu machen, im Gegensatz zu einem Kunstwerk.
Sie reden nie von Schriftstellerei, immer von Kunst.
W.H. Auden sagte: Das Gedicht ist das einzige Kunstwerk, das man nimmt oder lässt. Sie können ein Gemälde anschauen und dabei überlegen, was Sie zu Abend essen werden, Sie können Musik hören und an Sex denken. Aber ein Gedicht lesen Sie oder nicht. Ich will, dass meine Romane genau so dicht und fordernd sind wie Lyrik. Deshalb mögen viele sie auch nicht. Sie schlagen das Buch auf und fragen: Wo ist hier die Handlung? Warum redet er die ganze Zeit vom Wetter, das will ich doch gar nicht wissen?! Das ist okay – sie sollen das Buch zuschlagen, es ist nicht für sie.
Atmosphäre, Ton und Stil sind wichtiger als die Handlung?
Inhalt ist nur ein Aspekt der Form, der Plot nur das Gerüst, eigentlich uninteressant. Von Kafka gibt es diesen wundervollen Satz: Der Künstler ist der Mann, der nichts zu sagen hat. Das habe ich auf meinem Schreibtisch stehen.
Deutsche Literatur ist wichtig für Sie?
Vor kurzem fragte mich jemand, warum ich so besessen von ihr sei. In den Sechzigern las ich George Steiners "Language and Silence". Das hat eine ganze Generation englischer Möchtegernintellektueller mit deutscher Literatur bekanntgemacht. Die Namen von Walter Benjamin und Paul Celan hatten wir bis dahin nie gehört.
Sie haben auch mehrere Stücke von Kleist bearbeitet.
"Der zerbrochene Krug", "Amphytrion" und "Penthesilea". Kleist ist mein Zwilling. Alles ist ihm fremd, er hat sich nie daran gewöhnt, auf dieser Erde zu sein. In der europäischen Literatur gibt es zwei Linien. Da ist zum einen jene von Goethe bis Joyce: die großen Akzeptierer. Die sagen: So ist die Welt, ich will mehr davon. Zum anderen sind da Kleist, Kafka, Beckett. Die staunen die Welt an. Ich sehe mich auf ihrer Seite.
Wer ist Ihr zeitgenössischer deutschsprachiger Lieblingsautor?
Thomas Bernhard. Ich finde ihn schwierig zu lesen, wie wir alle, aber ich bewundere das Bemühen. Er ist auf eine lächerliche Weise besessen von Österreich.
Was macht für Sie Anerkennung aus? Rezensionen?
Ich lese keine Rezensionen. Als 1989 mein "Buch der Beweise" für den Booker Prize nominiert war, radelte eines schönen Morgens ein Arbeiter an mir vorbei und erkannte mich. Er drehte um und schoss auf mich zu, ich dachte, er würde mich angreifen. Dann bremste er ab und sagte: "Fucking great book." Das war die beste Rezension, die ich in meinem ganzen Leben gekriegt habe.


BANVILLE HEISST AUCH BLACK

Riesenhaft und griesgrämig

Nicht frei von Sünde" ist kein herkömmlicher Kriminalroman – falls es so was überhaupt noch gibt. Im Zentrum steht kein Mord, "Christine Falls" (so der englische Titel) stirbt im Kindbett und landet auf dem Seziertisch des Pathologen Quirke. Mit diesem riesenhaften Griesgram gelingt Banville eine interessante Figur: innerlich zerrissen, stur, meist mehr oder minder alkoholisiert, einigermaßen beziehungsunfähig und doch irgendwie ein Frauentyp. Die halb widerwillig betriebene Aufdeckung des Falles im grauen Dublin der Fünfzigerjahre wird für Quirke zu einer Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit.
Die Geschichte – eine üble katholische Verbindung organisiert die Verschickung von Waisen und weggegebenen Kindern aus Irland in die USA, um dort den Nachwuchs für die Klöster zu sichern – ist temporeich erzählt, aber die Atmosphäre ist zwingender als der Plot. Hier wird Banville seinem Ruf als großer wordsmith gerecht. Ein zweiter Benjamin-Black-Krimi ist so gut wie fertig. Darin gibt Quirke das Trinken auf, was ihn aber noch unfähiger zur Detektivarbeit macht, wie John Banville verrät.

Oliver Hochadel in FALTER 12/2007



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