Im Krebsgang voran. Heiße Kriege und medialer Populismus

Umberto Eco


Digitale Verdummung?

Umberto Eco graut vor den Deformationen der modernen Mediengesellschaft.
David Pfeifer glaubt, dass uns die neuen Medien klüger machen.

Anlässlich seines jüngst begangenen 75. Geburtstages attestierte das Feuilleton Umberto Eco eine ganz besondere Fähigkeit: nach "Zeichen" zu suchen und diese zu "deuten". Eco gilt wissenschaftlich als "Semiotiker" und hat als solcher eher kryptische Bücher verfasst, die wohl klug und gelehrt gewesen sein mögen, im wissenschaftlichen Diskurs jedoch kaum Resonanz fanden. Dafür gab es dann ja die opulenten Romane, und zwischendurch immer wieder Kolumnen in Magazinen wie L'Espresso oder Kommentare in Zeitungen wie La Repubblica.
Die liegen nun in Buchform vor: "Im Krebsgang voran". Eco beherrscht den unterhaltsamen Ton, hat ein Gespür für relevante Themen und den diagnostischen Finger am Puls der Zeit. Er führt einer verbiesterten Linken, der Erstarrung in hohlen Gesten der Political Correctness droht, gern vor, wie sich in bester aufklärerischer Tradition argumentieren lässt.
Dazu gehört es, nicht vorschnell zu urteilen und besserwisserisch Rezepte zu verschreiben. Ebenso, dass moralisches Verhalten keine absoluten Maßstäbe kennt, sondern stets im Kontext zu bewerten ist. Ausgesuchtes Angriffsziel Ecos: das "mediale Regime" der Berlusconi-Regierung und dessen "Ideologie des Spektakels".
Bloß – wem sagt er das eigentlich? Eco selbst fragt sich, welche Rolle die aufgeklärten Intellektuellen heute noch einnehmen können. Werden ihre kritischen Kommentare in der Tagespresse überhaupt noch gelesen? Eco diagnostiziert eine gravierende Deformation des Öffentlichen, er kritisiert den obszönen Verzicht auf Privatheit in TV-Shows, am Handy und auf Homepages. Er präsentiert sich so als melancholischer Gelehrter der untergehenden Gutenberg-Galaxis, der seinem Unbehagen an der neuen Mediengesellschaft eloquent Ausdruck verleiht.
Die neue Mediensituation mit ihren Aufgeregtheiten verträgt sicher einiges an skeptischer Aufklärung – vor allem hinsichtlich der Marketingstrategien, die hinter manchem Hype stecken. Vorurteile hingegen sind eine andere Sache. In die Jahre gekommene Zeitgenossen erinnern sich wahrscheinlich noch an ihren Mathematiklehrer, der überzeugt verkündete, der Gebrauch eines Taschenrechners mache dumm.
Vor dem Internet war es das Fernsehen, davor das Buch, und sogar über die Schrift selbst wurde dasselbe gesagt: Alle Medien leeren die Köpfe, und jede neue Anwendung ruft ganz verlässlich den bekannten Abwehrreflex hervor – die Popkultur mit ihren Medien lässt uns verblöden. Doch ein Zurück gibt es nicht mehr, die elektronische Medienkultur ist kaum hintergehbar.

Der amerikanische Publizist Steven Johnson plädiert daher für eine pragmatischere Sichtweise. Die negativen Auswirkungen von Computern, Videospielen und Fernsehen sind Mythen, die nichts mit der Realität zu tun haben. Neue Medien beanspruchen kognitive Fähigkeiten, die komplex und anspruchsvoll sind und die gerade heute nichts mehr zu tun haben mit dem Müll, der uns noch vor zwei, drei Jahrzehnten von den Massenmedien vorgesetzt wurde. Es geht letztlich immer darum, wer Kultur definiert und wie. Da wird in Gut oder Schlecht eingeteilt, in Richtig oder Falsch. Was aber zählt, das ist die vom sozialen Kontext abhängige Definitionsmacht. Sie entscheidet darüber, welche Musik man hört, welche Filme man sich ansieht oder welche Bücher man liest.
"Die digitale Technik hilft unserem Geist, sich zu lösen aus den alten, vorgefertigten Realitäten." So tönt der deutsche Journalist David Pfeifer, der Johnsons Ideen aufgegriffen und zu einem kleinen, auch recht persönlich gehaltenen Buch verarbeitet hat. Der Autor bekennt, er hätte seine Jugend gerne in den Achtzigern verbracht – mit den vielfältigen Möglichkeiten, die das beginnende neue Medienzeitalter geboten hat.
Wer nicht auf jene Wissenschaftsprosa abgestimmt ist, die uns von der Bildungskanzel herab warnt, wie zufällig und beliebig das im Internet dargebotene Wissen sei – und wie gefährlich die "Killerspiele", wer die Orte der Bildung also nicht in akademischen Zitatfriedhöfen vermutet, der ist mit "Klick" gut bedient. Klug reflektiert und gut lesbar stellt Pfeifer die aktuelle Medienentwicklung vor. Er verweigert sich jedem Insidergeschwätz über Web 2.0 & Co und versucht, der Alltagsperspektive unserer neuen Medienkultur gerecht zu werden. Dies ist also ein Buch für alle, die immer schon mal wissen wollten, was es damit auf sich hat, die aktuelle Medientheorie aber nie danach zu fragen wagten.

Frank Hartmann in FALTER 12/2007



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