Die Grenzen der Toleranz. Der Mord an Theo van Gogh


Das Ende eines süßen Traums

Integration oder multikulturelle Apartheid? Ian Buruma fragt, wie man mit den Muslimen in Europas Mitte umgehen soll – und stößt damit eine heftige Debatte an.

Der Mord an Theo van Gogh am 2. November 2004 war für die Niederlande ein Ereignis von ähnlicher Tragweite wie der 11. September für die USA: eine Erschütterung der Grundfesten dieser kleinen Insel der Toleranz. Der in den USA lebende niederländische Essayist Ian Buruma kehrte daraufhin in sein Heimatland zurück. Das Ergebnis dieser Reise ist eine Vermessung der holländischen Gesellschaft, deren Erfahrungen paradigmatisch für ganz Europa sind.
Der Titel "Die Grenzen der Toleranz" lässt ein Pamphlet gegen den Islamismus erwarten. Tatsächlich aber sind die Grenzen, die Buruma hier aufzeigt, nicht nur die Grenzen des Tolerierbaren, sondern auch die Grenzen des Tolerierten. Es geht also nicht nur um inakzeptable Gewalt, sondern auch um das, was – entgegen dem eigenen Selbstverständnis – bereits vor dem Mord nicht akzeptiert wurde: die Flut der moslemischen Migranten.
Aber waren die Niederlande nicht das leuchtende Beispiel für Toleranz und Multikulturalismus? Der Tod van Goghs bedeutete, so Buruma, "das Ende dieses süßen Traums". Um diesen Einbruch des Realen zu verstehen, porträtiert Buruma alle Protagonisten dieses "multikulturellen Dramas": van Gogh, dessen Mörder Mohammed B., aber auch den ebenfalls ermordeten Politiker Pim Fortuyn und die ehemalige somalisch-niederländische Abgeordnete Ayaan Hirsi Ali. Der Ton ist so zurückgenommen, dass man über lange Strecken nicht weiß, wo Buruma selbst spricht und wo er nur Sprachrohr ist. Und trotzdem eröffnet er zwei Trennlinien, die erst langsam zu Fronten "anwachsen". Da ist zum einen jene selbstgefällige und elitäre Politikerkaste, deren politisch korrekter Multikulturalismus Integration mit Wohlfahrt verwechselt. Und da sind zum anderen jene Stimmen, die sich unter der Flagge "Aufklärung" versammeln, um die universalen Werte als europäische gegen den Angriff des Islamismus zu verteidigen. Viele enttäuschte Linke hätten sich dem angeschlossen. "Die Aufklärung ist zur Bezeichnung einer neuen konservativen Ordnung geworden, und ihre Feinde sind die Fremden, deren Werte wir nicht teilen können." Die prononcierteste Vertreterin dieser Haltung sieht er in Ayaan Hirsi Ali. Sie bezeichnet Buruma als "fundamentalistische Aufklärerin". An dieser Stelle setzt die äußerst heftige Debatte um das Buch ein (s. www.perlentaucher.de).

Den heftigsten Angriff gegen Buruma führt der französische Theoretiker Pascal Bruckner, der im Namen des Republikanismus vehement Position für Ali bezieht. Gegen die "islamistische Hydra" helfe kein angelsächsischer Multikulturalismus, sondern nur der Universalismus der französischen laïcité, eine radikal säkularisierte Staatlichkeit. Nüchterner im Ton fordert Francis Fukuyama im Namen des – US-amerikanischen – Liberalismus nur den Einzelnen ins Visier zu nehmen und alle Gruppenrechte abzulehnen. Dies wird etwa an der Frage eines "islamischen Krankenhauses", wie es in Rotterdam geplant wird, virulent. Wäre ein solches nun Fortsetzung einer "multikulturellen Apartheid" (Bruckner)? Fukuyama ist in seiner Zurückweisung aller "Inseln des Korporatismus" am konsequentesten. Das würde nicht nur keine islamischen Krankenhäuser, sondern auch die Schließung aller staatlichen konfessionellen Schulen, ob katholisch oder jüdisch, bedeuten. Buruma hingegen sieht eben darin die Möglichkeit, Menschen in ihrer ethnischen Besonderheit nicht nur Asyl, sondern auch ein "Zuhause" zu bieten.
Jene, die gegen die Enklaven argumentieren, behaupten, solche Separation würde die Individuen "in ihrer ethnischen Definition" einsperren und ihnen den "Übergang von der Tradition zur Moderne" verweigern. Das ist ein wichtiges Argument. Aber Burumas Antwort ist deshalb eine andere, weil er eine andere Frage stellt: Was ist mit den "re"-islamisierten Migranten? Mit jenen Angehörigen der zweiten oder dritten Generation, die sich trotz Integration einem "deterritorialisierten Islamismus" anschließen? Nicht jene, die die Fesseln ihrer traditionellen Kultur abstreifen wollen, sind für Buruma das gesellschaftliche Problem, sondern jene, die sich eben darin radikalisieren. Deshalb laute die drängendste Frage: Wie geht man mit dem radikalen Islam um? Wie verhindert man, dass der moderate Mainstream sich radikalisiert? Die Integration des Einzelnen in den Liberalismus greift aus Burumas Sicht zu kurz, denn Mohammed B. war integriert, ebenso wie die britischen Attentäter oder Mohammed Atta. Deshalb ginge es darum, die Muslime durch ihre Religion zu integrieren.
Dies sei nicht jene sozialdemokratische Integration qua Wohlfahrstpolitik, sondern eine "gefühlte" Integration: Die Migranten sollten nicht durch ihre Liberalisierung, sondern als Muslime hier ankommen. Selbst religiöse Fundamentalisten könnten friedlich in einer säkularen Gesellschaft leben. Der "orthodoxe Muslim als guter Europäer", so Buruma, sei der reale Ausweg – während seine Gegner Appeasement rufen und die Moslems zum Abschwören drängen. Angesichts solcher Alternativen scheint die Situation tatsächlich ausweglos.

Isolde Charim in FALTER 12/2007



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