Stadt der Verlierer

Lilian Faschinger


Verdorben sexy

Lilian Faschinger bevölkert ihre "Stadt der Verlierer" mit einem Ungustl und saftigen Nebendarstellern.

Matthias Karner, Ich-Erzähler in Lilian Faschingers jüngstem Roman, ist kein sonderlich liebenswerter Bursche. Das wird schon auf den ersten, flott skizzierten Seiten deutlich, wenn er sich zum Beispiel ratlos fragt: "Was tut man mit einer Frau, wenn man sie nicht gerade fickt?" Ficken scheint seine große Stärke zu sein, Feinfühligkeit ist es definitiv nicht. Bruce Springsteen geht ihm zu Herzen, "Natural Born Killers" ist sein Lieblingsfilm.
Karner ist unglücklich, verroht und potenziell gefährlich und lebt von unglücklichen, sensiblen, potenziell gefährdeten älteren Frauen, die er aufs Mieseste ausnützt. Er verachtet die Weiber dafür, er weiß schließlich genau, wie sie sind: "So sind sie. Egal, was man mit ihnen macht, sie lassen es sich gefallen. Sie bekommen nie genug."
Eines Tages findet der misslaunige Müßiggänger und freudlose Gelegenheitsarbeiter beim Spazierengehen im Lainzer Tiergarten eine scheinbar schlafende Schöne, in einem teuren Seidenkleid malerisch aufs Moos gebettet. Bei näherer Betrachtung fällt ihm auf: Sie liegt in ihrer Scheiße und hat Erbrochenes am Mund. Offenbar eine Selbstmörderin. Er rettet ihr relativ unaufgeregt das Leben. Vorläufig.
Faschingers Krimierstling basiert auf einem ziemlich unglaubwürdigen Zufall – aber auf den wird so sauber und souverän aufgebaut, dass man sich als Leser gar nicht weiter daran stört. Der Plot wirkt passagenweise recht gewagt konstruiert, aber das Kunststück gelingt. Details darf man natürlich nicht verraten, sonst ist der Überraschungseffekt zunichtegemacht.
Die Autorin, promovierte Literaturwissenschaftlerin, treibt das Geschehen in zügigem Tempo voran, verschränkt wenige, angenehm überschaubare Handlungsebenen handwerklich untadelig und zieht einen roten Faden in Form von Songtextzitaten durch das ganze Buch (auch der Titel ist einem Springsteen-Text entlehnt). Vor allem aber bevölkert sie es ohne unnötige Trödelei mit teils höchst amüsanten weiteren handelnden Personen, die im Falle einer Verfilmung bei entsprechender Besetzung sicher Chancen auf die eine oder andere Oscar-Nominierung als beste Nebendarstellerin, bester Nebendarsteller hätten.
Köstlich etwa der Detektivgehilfe Mick Hammerl (eine Hommage an Mickey Spillanes hartgesottenen Großstadtschnüffler Mike Hammer), der Faschingers sympathischer Antiheldin Emma Novak zur Seite steht, ihres Zeichens Privatdetektivin im zweiten Bildungsweg, nachdem ihr Lehrauftrag am Institut für Altertumswissenschaft der Universität Wien nicht verlängert worden war (ihre Standardvorlesungen "Alexander der Große: ein typischer Vertreter des Machismo?" und "Die Verwaltung des Reiches Urartu aus feministischer Sicht" hatten unter ständig sinkenden Teilnehmerzahlen gelitten).
Sehr hübsch gezeichnet auch die italophile Pathologin Dr. Sissi Fux, mit der Novak zusammenarbeitet und von der sie überraschend effizient eingekocht wird, wobei nur Sissi selbst der Überzeugung ist, dass ihre mit viel Begeisterung und Aufwand zubereitete italienische Hausmannskost immer so schmeckt, wie sie schmecken soll.

Obwohl all diese Einfälle gekonnt verarbeitet werden und trotz des talentierten Spannungsaufbaus bleibt die Erzählung in der ersten Hälfte etwas brav, gewinnt dann aber erfreulich an Rasanz und erreicht eine schwebende, unangestrengte Sicherheit, die man zufrieden zur Kenntnis nimmt, mit einer feinen Tasse Tee und ein paar Ingwerkeksen in Griffweite. Die Dialoge schärfen sich, die Story wird aufregend, irgendwie verdorben sexy, auch Witz kommt dazu, und dann natürlich noch ein Mord.
Das Buch liest sich einfach gut. Faschingers Text erinnert an manchen Stellen ein wenig an Ingrid Nolls erfolgreiches Romandebüt "Der Hahn ist tot" (1991), wobei aber das literarische Niveau insgesamt deutlich höher liegt. Und noch in einem weiteren wesentlichen Punkt unterscheidet sich die Kärntnerin Faschinger, die bereits einen international vielbeachteten Roman ("Magdalena Sünderin"), Kurzprosa und Lyrik veröffentlicht hat, von der deutschen Krimiautorin: Im Gegensatz zu Noll wird sie immer besser.

Christina Dany in FALTER 12/2007



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