Die Identitätsfalle. Warum es keinen Krieg der Kulturen gibt

Amartya Sen


Nie immer nur einer

Wer ist "Wir"? Wer sind die "Anderen"? Drei Neuerscheinungen zerpflücken das Theorem vom "Kampf der Kulturen". Nur: wie viel ist damit gewonnen?

Das Muster vom Kampf der Kulturen ist "eine intellektuelle Kippfigur", schreibt Nils Minkmar im lesenswerten Sammelband "Feindbilder". Wenn man es "einmal im Sinn hat, deutet man alle Ereignisse nach diesem Muster". Dann reduziert sich die Welt, mit all ihrer Komplexität, auf den Konflikt religiös-kultureller Identitäten. Die schroff abgegrenzten Identitäten, die als Ursache dieses Konfliktes behauptet werden, sind freilich erst Resultat der Verschärfung. Wenn man die vermeintlich essenzialistische Unvereinbarkeit von Identitäten nur lange genug behauptet, dann kriegt man ihn am Ende auch, den Clash of Civilisations.
Anders gesagt: Menschen, die heute nicht zu sagen vermögen, was sie von ihrem Nachbarn unterscheidet, können in ihm morgen schon den radikal Anderen sehen. Amartya Sen, Wirtschaftsnobelpreisträger und Harvard-Professor, hat diese Erfahrung erstmals als elfjähriger Junge in Indien gemacht. Bei ethnischen Unruhen machten Hindus auf Moslems Jagd und vice versa. Sen sah damals seinen ersten Mord. Vielleicht erklärt diese Erfahrung die Verve seines neuen Buches "Die Identitätsfalle".
Sens Hauptthese, zu der er immer wieder zurückkehrt, ist so simpel wie vernünftig: Menschen waren noch nie einfache Produkte ihres kulturell-religiösen Herkommens und sind es heute weniger denn je. Mit einer solchen monokausalen Deutung missverstehe man die Menschen und die Welt. Jeder von uns ist Angehöriger einer Vielzahl von Gruppen. Niemand ist in einem derart trivialen Sinn "Moslem", "Hindu", "Westler", "Christ" oder "Asiate", wie es das Postulat vom "Kampf der Kulturen" unterstellt. Jeder Mensch, mag er noch so simpel gestrickt sein, hat "plurale Identitäten". Unser Leben ist nicht nur Schicksal, auch unsere Identität unterliegt "freier Wahl". In Wirklichkeit, so Sen, "treffen wir alle – und sei es auch nur stillschweigend – ständig Entscheidungen über die Prioritäten, die wir unseren verschiedenen Zugehörigkeiten und Mitgliedschaften beimessen".
"Fremde Kulturen", von außen scheinbar aus einem Guss, sind in sich selbst heterogen. Aus der Entfernung betrachtet gibt es "Österreichertum". Von innen her gesehen habe ich mit Ewald Stadler kaum etwas gemein.
Die erste Schwierigkeit der These vom Kampf der Kulturen, insistiert Sen, besteht also schon in der Fragwürdigkeit, "ob es überhaupt möglich und signifikant ist, Menschen nach den Kulturen zu klassifizieren, denen sie angeblich ‚angehören'. Diese Frage ergibt sich lange vor den Problemen, die wir mit der Ansicht haben, die solchermaßen in Schubladen diverser Kulturen sortierten Menschen müssten sich irgendwie in einem Gegensatz zueinander befinden."
Freilich hat sich das identitäre Konzept in den vergangenen Jahren so weit durchgesetzt, dass der Reduktionismus, der ihm zugrunde liegt, kaum mehr auffällt. Längst argumentieren nicht nur die Anhänger der Kulturkampfthese auf dessen Grundlage, sondern auch deren Gegner. Ist der Kulturkämpfer der festen Überzeugung, Angehörige unterschiedlicher Großzivilisationen könnten nicht friktionsfrei miteinander auskommen, so lässt der gutmütige Multikulturalist den Optimismus nicht fahren, unterschiedliche Kulturen könnten bunt nebeneinander koexistieren. Aber dies ist oft kein Plädoyer für die Akzeptanz pluraler Identitäten, sondern, so Sen, für einen "pluralen Monokulturalismus".
Damit komme aber der Multikulturalismus in Teufels Küche: "Wenn ein junges Mädchen aus einer konservativen Einwandererfamilie sich mit einem englischen jungen Mann verabreden möchte, ist das sicherlich ein multikultureller Schritt ... Wenn man im Namen der kulturellen Freiheit für den Multikulturalismus eintritt, kann man sich nicht standhaft und uneingeschränkt dafür aussprechen, jemand habe unerschütterlich an seiner überkommenen kulturellen Tradition festzuhalten."

Sens Buch ist eine einzige Absage an das Konzept der Identitäten und an den damit verbundenen Reduktionismus. Immer wieder verweist er auf das Problem, dass selbst wohlmeinende Zeitgenossen Einwanderer stets als Mitglieder ihrer Community oder religiösen Ethnizität ansprechen und nicht als Bürger ihres eigenen Gemeinwesens. Im Umkehrschluss betonen auch Bürger moslemischer Religion in der Regel stets, "wir Muslime sind ja gar nicht so", anstatt die Reduktion auf ihre muslimische Identität als solche zurückzuweisen. Schon diese Form der Zurückweisung bestätigt in einem gewissen Sinn den identitären Wahn, indem er die religiös-kulturelle Identität gegenüber allen anderen Ressourcen personaler Identität überbewertet.
Das Problem mit Kritiken wie jener von Sen, so richtig sie sein mögen, besteht darin, dass die Kritik die Probleme nicht aus der Welt schafft. Zuschreibungen dieser Art, seien sie Selbst- oder Fremdzuschreibungen, führen, einmal in die Welt gesetzt, ihr eigenes Leben, und ihnen ist mit Aufklärung nicht einfach beizukommen. Dass Identitäten immer fiktional sind, ändert nichts an ihrer substanziellen Macht. Auch produzierte Identitäten sind Identitäten. Ja, ihr Ursprung ist Fremdzuschreibung, die als Selbstzuschreibung zurückgespiegelt wird.
Über dieses Problem meditiert der linke New Yorker Sozialhistoriker Immanuel Wallerstein in seinem schmalen Bändchen "Die Barbarei der anderen". Für Wallerstein ist der Kern des Dilemmas die Etablierung des anglo-europäischen Weltsystems in den vergangenen fünf Jahrhunderten, das mit dem gegenwärtigen Stand der Globalisierung zu einem "europäischen Universalismus" wurde, gegen den "die Anderen" mit Lokalismus und Partikularismus aufbegehren.
Der "europäische Universalismus" ist für Wallerstein kein Universalismus, sondern nur eine raffiniertere Form des Kolonialismus. Darauf wiederum reagiere die "nicht-westliche Welt", indem sie den Barbareivorwurf letztlich umkehrt: Die westlich-christliche Kultur wird ihrerseits als "fehlerhafte und minderwertige Form menschlichen Denkens" verdammt. Gegen den "europäischen Universalismus" will Wallerstein aber nicht den Lokalismus setzen, sondern einen "universalen Universalismus". Einen solchen zu entwickeln, dazu will er die westlichen Intellektuellen anstacheln. Wallerstein selbst hat leider nicht sehr viel Konkretes dazu zu sagen, wie genau dieser "universale Universalismus" beschaffen sein könnte.
Vielleicht ist schon einiges gewonnen, so kann man Seyla Benhabibs Essay "Der Kampf um die Kultur" im Sammelband "Feindbilder" verstehen, wenn man eine gewisse hermeneutische Sensibilität für die kulturellen Strategien der Underdogs entwickelt. Schließlich ist es schon eine Herausforderung, den "hochbrisanten politischen Konflikt" nicht stetig zu verschärfen. Die "umgekehrte Globalisierung", die Erfindung einer globalen muslimischen Gegentradition, mit der der Islamismus so erfolgreich war, muss überhaupt erst verstanden werden, was, so Benhabib, im jeweils konkreten Fall umso schwieriger ist, da Bedeutungen zunehmend in Fluss geraten. Der Schleier, ursprünglich Zeichen traditioneller Lokalkulturen, dann der weiblichen Unterordnung, hat heute unterschiedliche Bedeutungen angenommen und kann genauso ein Zeichen kultureller Autonomie aufbegehrender junger Frauen sein.
All diese Prozesse sollte man zu verstehen versuchen, statt reflexhaft auf sie zu reagieren.
Die simplen Reduktionismen des "Kulturkampfes", das "Wir gegen sie", das "Die einen gegen die anderen", kurzum: der Jargon der Konfrontation hat die globalen Spannungen dramatisch verschärft. Alle Versuche, das Kippbild wieder aus dem Kopf zu bekommen, sind lobenswert, mag die Sache auch verdammt schwer sein. Um nochmals Amartya Sen zu zitieren: "Falsche Beschreibungen und falsche Vorstellungen können die Welt zerbrechlicher machen, als sie sein müsste."

in FALTER 12/2007



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