Bunny und Blair

DBC Pierre, Henning Ahrens


Mach die Futterluke dicht

DBC Pierres "Bunny und Blair" handelt von siamesischen Zwillingen, die sich nach der Trennung dramatisch auseinanderentwickeln – eine ungedeckte Behauptung.

Was man Peter Warren Finlay, der von sich behauptet, ein Freund habe ihn einst nach einer Comicfigur namens Dirty Pierre benannt und daher schreibe er unter dem Pseudonym DBC ("Dirty But Clean") Pierre, glauben soll, weiß ich nicht. Stammt er wirklich aus Australien? Hat er tatsächlich auf der Flucht vor Strafverfolgung und Geldeintreibern einige Zeit in Mexiko gelebt? Wie verhält es sich mit seiner Vergangenheit als Berufsspieler, Heiratsschwindler und Suchtmittelkonsument? Sicher, weil vielfach verbürgt, ist jedenfalls, dass Pierre für seinen Erstling "Jesus von Texas", die grandiose Geschichte des Halbwüchsigen Vernon Little, der durch eigene Naivität und die skrupellose Mitwirkung einer völlig entgrenzten Medienmaschinerie bis auf den elektrischen Stuhl gelangt, im Jahr 2003 (völlig zu Recht) mit dem Booker Prize ausgezeichnet wurde. Dass er einen Großteil des Preisgeldes augenblicklich dafür verwendete, einen Künstlerkollegen, den er übers Ohr gehauen hatte, auszuzahlen, klingt wiederum ausschließlich nach der Wunderheilung eines sozial Gestrauchelten, also nach PR-Kitsch.
Liest man nun Finlays bzw. Pierres neuen Roman, ist es einem egal, wen der Autor um wie viel betrogen hat, ob er Kokain nur selbst genommen oder auch verkauft hat, ob er aus Australien stammt oder vielleicht einfach aus dem County Leitrim in Irland, wo er angeblich seinen derzeitigen Wohnsitz hat. Selbst mit dem Kredit der Tatsache, dass es Zweitgeborene nach einem erfolgreichen Ältesten zwangsläufig schwer haben, muss man sagen, dass es kein besonders überzeugendes Buch geworden ist.
Dabei beginnt die Sache vielversprechend. Blair und Gordon (genannt Bunny) Heath (Achtung Politsatire!) sind siamesische Zwillinge. Sie bilden, genau genommen, einen Omphalopagus, die Dyade zweier im Bauch- und Brustbereich zusammengewachsener Personen. Nach der Geburt von ihren entsetzten Eltern weggegeben, leben sie 33 Jahre lang in Albion, einem Pflegeheim, "das sich im tiefsten Nordengland in die Landschaft duckte und in dem sie ihre Tage verbrachten, wechselweise umwölkt von dem Gestank gekochten Blumenkohls und dem Geruch von Desinfektionsmitteln". Auf Dauer ist dem inzwischen privatisierten britischen Gesundheits- und Sozialsystem offensichtlich sogar der Blumenkohl zu teuer (die Desinfektionsmittel sowieso); die beiden sollen raus aus dem Heim und werden "an einem Dienstag im Mai" in einer 14 Stunden und 23 Minuten dauernden Aktion entzweioperiert. Danach, schreibt DBC Pierre auf Seite zwölf, "entwickelten sich die Persönlichkeiten der Zwillinge dramatisch auseinander".
Täten sie es doch! Hat man das Buch schließlich zu Ende gelesen, beschleicht einen der Verdacht, der Autor habe an jenem Punkt, also am Anfang, noch eine völlig andere Geschichte im Kopf gehabt. Bunny und Blair entwickeln sich nämlich insgesamt so gut wie gar nicht, am allerwenigsten auseinander. Im Gegenteil, sie bleiben, erstens, bis zum Schluss beisammen und, zweitens, in ihrer Sozial-Kellerwohnung in London und auf ihrem abschließenden Auslandsausflug genau dieselben, die sie von Anfang
an waren, – einem im Text zitierten Dante'schen Modell entsprechend: Blair repräsentiert forza, die Körperkraft, und Bunny forda, die Kraft des Geistes; Blair ist großsprecherisch und libidinös aufgeladen, Bunny hypochondrisch und scheu. Das ist eine polare Konstellation, die man kennt, wirklich gut zum Beispiel in Gestalt von Stan Laurel und Oliver Hardy.
Parallel dazu, im zweiten Handlungsstrang des Romans, stopft die junge Bauerstochter Ludmilla Iwanowa aus dem Derew-Klan ihrem Großvater, der dabei ist, sie im Schlamm einer der Kaukasus-nahen Nachfolgerepubliken der Sowjetunion zu vergewaltigen, ihren Handschuh so tief in den Schlund, dass er erstickt. Als Leser ist man mit dieser Art von Gegenwehr hundertprozentig einverstanden, auch noch damit, dass der Tod des Alten zum doppelten Problem wird: Einerseits muss die Leiche beseitigt werden, andererseits stellt seine Rente das einzige konstante Einkommen der Familie dar. Wenn man jedoch allmählich merkt, dass auch daraus keine rechte Geschichte werden will, beginnt das Einverständnis zu schwinden. Von Schnee, Morast und rostigen Traktoren hat man bald genug, ebenso von den gesichtslosen Frauen, die da ständig in finsteren Winkeln herumhocken, mit ihren Rocksäumen spielen, "Hoh!" sagen und "Mach deine Futterluke dicht!", wenn sie "Halt den Mund!" meinen.
Wenigstens in einem tut DBC Pierre, was man von ihm erwartet – er führt am Ende die beiden Erzählstränge zusammen. Das Internet ist im Spiel, eine dubiose Partnervermittlungsagentur, ein roter Bikini und ein Porträtfoto Ludmillas, in das sich Blair Hals über Kopf verliebt. Bunny und er brechen auf in Richtung Osten, erreichen über Jerewan und Taschkent Ublilsk, Ludmillas Heimatort, und laufen ihr selbst prompt in die Arme. Zusammengepfercht in eine Holzhütte werden sie mit der blutigen Sinnlosigkeit des Bürgerkrieges konfrontiert und können aus den Ereignissen bestenfalls die Erkenntnis mitnehmen, dass Drogen nicht immer so wirken, wie man es sich ausgerechnet hat.

Henning Ahrens, der für die Übertragung des Romans ins Deutsche verantwortlich ist, taucht tief in die überbordende und metaphorisch stets nah am Physischen wildernde Sprache Pierres ein. Das klingt zum Beispiel (Bunny und Blair besuchen eine Disco) so: "Bunny hörte einen Fetzen seines Namens und hisste eine Augenbraue. Er ließ den Blick über die auf und ab wogenden Wellen aus Fleisch gleiten und kam sich vor wie ein Seeigel in einer Entbindungsstation." Seeigel in einer Entbindungsstation. Das fühlt sich sicher ziemlich super an.

Paulus Hochgatterer in FALTER 12/2007



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