Der weiße Fleck. Die Entdeckung des Kongo 1875–1908


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Die Vernichtung von Leben durch Arbeit im Kongo um 1900 wollte niemand sehen. Eine Quellenanthologie dokumentiert den "weißen Fleck" der Kolonialherren.

Als der Schriftsteller Joseph Conrad neun Jahre alt war, so eine biografische Anekdote, strich er mit dem Finger über eine Karte von Afrika und beschloss, das in den 1860er-Jahren noch unbekannte, als weißer Fleck dargestellte Herz des Kontinents zu erforschen. 22 Jahre später fuhr er tatsächlich den Fluss Kongo hinauf und damit mitten hinein in das letzte, von Europäern für die ökonomische Ausbeutung erschlossene Gebiet, die teils als Privatbesitz, teils als Aktiengesellschaft geführte Kolonie des belgischen Königs Leopold II. Mit der Erzählung "Herz der Finsternis" verarbeitete Conrad literarisch die Ungeheuerlichkeiten, die er erlebt und gesehen hatte. So erfuhr die Welt erstmals von einem System der Vernichtung von Leben durch Arbeit, dessen Dimension erst vom Holocaust übertroffen werden sollte.
Die Herrschaft über ein Gebiet achtzigmal so groß wie Belgien hatte Leopold zu einem der reichsten Fürsten seiner Zeit gemacht – und der Hälfte der schwarzen Bevölkerung das Leben gekostet. Intellektuelle aus Europa und den USA reagierten mit der Bildung einer internationalen Menschenrechtsbewegung, der Keimzelle der heutigen UNO. Bis heute wird über dieses Kapitel der Kolonialgeschichte nur wenig publiziert, gerade so, als handele es sich um eine Marginalie.
Statt Zeugnissen der Barbarei aneinanderzureihen und Betroffenheit auszulösen, nähert sich der Sammelband "Der weiße Fleck" dem Thema mit Distanz und Nüchternheit. Der Gipfel imperialer Menschenverachtung soll aus dem Kontext seiner Zeit heraus verstanden, ein Blick durch die Brille der Kolonialisten riskiert werden, anstatt ihnen heutige Sichtweisen überzustülpen.
Das kurze Vorwort macht deutlich, dass der heutige Kongo längst "entdeckt" war, als die ersten Weißen Mitte der 1870er-Jahre in das Gebiet vordrangen. Arabische Sklavenhändler hatten es längst für ihre Zwecke erschlossen und eine vormals funktionierende, staatsähnliche Stammesordnung zerstört.
Leopolds System zielte darauf ab, in kürzester Zeit ein Maximum an Gewinn zu erzielen. Er ließ die männliche Bevölkerung zur Kautschukgewinnung zwangsrekrutieren und ihre Familien in Geiselhaft nehmen. Auf Nichterfüllung des Arbeitssolls stand die Todesstrafe. Die strenge Kontrolle aller im Land befindlichen Schusswaffen sollte drohende Aufstände verhindern. Für jeden abgegebenen Schuss musste der entsprechende Tote nachgewiesen werden – in Form der abgeschnittenen rechten Hand. Um sich eine Munitionsreserve aufzusparen und Fehlschüsse auszugleichen, blieb den Kolonialangestellten nur ein Weg: die Hand eines Lebenden abzuliefern und sie für die eines Erschossenen auszugeben.

Der Kontrast, in dem die in dieser Quellenanthologie versammelten Berichte europäischer Forscher und Glücksritter, die den Kongo 1875 bis 1908 bereisten, zu den Fakten stehen, ist schockierend. "Der weiße Fleck" demonstriert ein kaum nachvollziehbares Desinteresse für die Lage der Einheimischen. Nur einer der elf Zeitzeugen thematisiert zumindest am Rande die Gräueltaten. Die anderen zehn schreiben über das faszinierende Abenteuer ihres Vorstoßes in eine unbekannte Region, berichten von fremdartigen Sitten und exotischer Flora und Fauna. Barbarisch sind stets nur die bis in die 1870er-Jahre brandschatzenden und mordenden arabischen Sklavenhändler. Zwei Essays von Hans Christoph Buch schlagen im Anschluss die Brücke in den Kongo der Gegenwart und dessen politische Instabilität; er hat sich bis heute nicht von der imperialen Gier Leopolds II. erholt.

Martin Droschke in FALTER 12/2007



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