Superhero. Witzige Dialoge zwischen Krebspatient und Therapeut


"Meine Stimme ist die Kamera"

Rufus Beck hat mit seinen Harry-Potter-Aufnahmen den Hörbuchtrend mit ausgelöst. Der "Herr der Stimmen" hat aber auch live ein ganzes Ensemble drauf.

Sonntagnachmittag im Theatercafé: Rufus Beck stimmt sich auf seinen ersten Auftritt in Österreich ein. Heute Abend steht er im Stadttheater Klagenfurt auf der Bühne. Ganz allein – in vielen Rollen: Das ist seine Erfolgsformel, zuletzt angewandt bei "Harry Potter und der Halbblutprinz". Die vollständige Lesung des sechsten und vorletzten Potter-Romans dauert über 22 Stunden und ist ebenso viele CDs lang, kostet neunzig Euro (Listenpreis) – und war das meistverkaufte deutschsprachige Hörbuch des Jahres 2006 (Gesamtauflage der Potter-Hörbücher: über 2,5 Millionen).
Beim deutschen "Hörverlag" weiß man also sehr genau, was man an Rufus Beck hat: "Er war ein Glücksfall für die Harry-Potter-Reihe. Damals, als er den ersten Band las, wussten wir nicht einmal, dass es einen zweiten geben würde", erinnert sich Stefanie Frühauf vom Hörverlag.
Der Erfolg hat aber nicht nur damit zu tun, was er liest, sondern auch damit, wie er's liest. Rufus Becks Fähigkeit, sämtliche Rollen des Buches mit verschiedenen Stimmen und Dialekten zu lesen – und die Reaktionen des Publikums darauf – erstaunte selbst Joanne K. Rowling während der gemeinsamen Deutschlandtour vor fünf Jahren. Die Autorin kannte nur das englische Hörbuch, eine klassische Vor-Lesung.
Genau mit Vorlesen aber kann Rufus Beck nichts anfangen: "Ich bin immer Schauspieler, auch und gerade beim Hörbuch. In dem Moment, in dem ich ein Wort lese, hat es einen Klang. Dieser Klang enthält schon eine Interpretation des Wortes: ernst, heiter, ironisch ... Ich muss immer wissen, warum ich etwas so spreche, wie ich es spreche. Meine Stimme ist die Kamera, die das Wort beleuchtet. Ich kann näher rangehen, einen Schwenk machen, die Perspektive ändern."
Wenn Rufus Beck also nicht bloß Vorleser, sondern Regisseur und Hauptdarsteller der Bücher ist, wie schafft er es dann, neben "Potter 6" jedes Jahr zehn bis zwanzig weitere Hörbücher zu lesen, in Filmen zu spielen (sein Durchbruch war die Waltraud in "Der bewegte Mann"), und am Theater den Mephisto in "Faust" zu geben? "Ich lese ein Buch einmal, streiche mir die Rollen farbig an. Und dann geh ich ins Studio." Was dort passiert, vergleicht Beck mit einem Jazzmusiker, der über ein Thema improvisiert: "Ich entscheide, wo der kleine, der mittlere, der große Bogen ist. Welche Farbe gebe ich den Figuren? Nehme ich einen dicken Pinselstrich oder schwarze Tusche? Das passiert dann schon intuitiv bei der Aufnahme."
In nur zehn Tagen ist der ganze sechste Potter-Band aufgenommen worden – das lesenswerte Produktionstagebuch findet man auf www.rufusbeck.de. Inzwischen sind weit über hundert verschiedene Stimmen zusammengekommen, die sich dann auch noch verändern: Dumbledore etwa wird schwächer, brüchiger, Harry Potter vom Kind zum Teenager ... Die merkt er sich alle von einer Produktion zur nächsten? Nein, während der Produktion sind Stimmproben aller Personen abrufbar. Beck hört einmal hinein – und hat die Person sofort wieder drauf.
Richtig vorstellen kann man sich das erst, wenn man Rufus Beck auf der Bühne sieht: In Klagenfurt spielt er Jule Vernes Roman "Von der Erde zum Mond", ein "Mikrotheater", wie er es nennt. Eine zweistündige furiose Reise in das Amerika vor 150 Jahren, animierte Originalillustrationen aus dem Buch, ständige Personenwechsel, zeitweise atemberaubend schnell – und kein Buch, kein Manuskript weit und breit. Im Publikum nicht wenige Kinder im Volksschulalter, die Rufus Beck aus den "Wilden Fußballkerlen" oder als Zauberer Zwackelmann aus der Neuverfilmung des "Räuber Hotzenplotz" kennen. Zweifellos mussten sie nicht überredet werden, ins Theater zu gehen. Diesmal sind es die Eltern, die mitkommen durften.
Der Abend in Klagenfurt zeigt die zweite große Stärke Rufus Becks: Sein Publikum ist die ganze Familie. "Von der Erde zum Mond" ist eine ausschweifende, technische Details übergenau zitierende Erzählung; und die Geschichte vom "Kanonenklub", einer Partie ausrangierter Kriegsveteranen, die sich in Friedenszeiten langweilen und deshalb beschließen, eine bemannte Kugel auf den Mond zu schießen, erreicht alle im Saal.
Längst kann sich Rufus Beck aussuchen, was er aufnimmt: John Irving und Jakob Arjouni für die Erwachsenen; René Goscinnys "Der kleine Nick" für alle, das schräge Kinderbuch "Millionen" und die trostlos-kultige "Lemony Snicket"-Reihe (siehe Kasten) für die Jungen. Hörbücher sind der Hoffnungsträger der Buchbranche mit jährlich zweistelligen Zuwachsraten. Weil niemand mehr lesen will? Die Frage langweilt Beck, er hat sie schon so oft beantwortet: "Das Buch ist die Partitur, das Hörbuch die Musik. Ich glaube, dass man zu einem Buch, das man gehört hat, einen anderen Zugang findet. Ich kriege dann immer Lust, es noch mal zu lesen." Apropos noch mal: Gerade werden einige Beck-Hörbücher neu veröffentlicht – als CDs im MP3-Format. Trendsetter sind wieder einmal die Potter-Produktionen. Teil eins passt damit auf eine CD (vorher waren es neun).

Während kein Monat ohne Beck-Veröffentlichungen vergeht, möchte der dreifache Vater gerne leisertreten. Er plant, "einmal zwei Monate daheim zu sein". Im Nachsatz gleich die Einschränkung: "Naja, zwischendurch hab ich immer wieder mal eine Lesung ..." Es dürfte noch ein bisserl mehr sein: Ende März erscheint "Kinder lieben Märchen ... und entdecken Werte", eine Märchensammlung mit Erziehungstipps. "Es ist kein Ratgeber, sondern mehr eine Gebrauchsanweisung." Nicht nur die Begründung macht neugierig, auch die Tatsache, dass ein Ghostwriter gefeuert wurde und Beck die Texte – mit wissenschaftlicher Begleitung – selber schrieb.
Obwohl er im April zehn Tage auf der Probebühne im Theater an der Josefstadt stehen wird, bleibt Österreich ein weitgehend weißer Fleck für Beck: "Einmal hätte es fast im Volkstheater geklappt, aber am ersten Probetag legte die Hauptdarstellerin Andrea Eckert ihre Rolle nieder, drei Wochen später stieg die nächste aus. Da war der Wurm drin."
Und natürlich ist heuer ein Potter-Jahr für den fünfzigjährigen Deutschen: Im September wird er den letzten Teil der Serie aufnehmen. "Genaueres wissen wir alle nicht. Obwohl ,Harry Potter and the Deathly Hallows' in vier Monaten erscheint, kennt noch nicht einmal der englische Verlag das Ende." Unterdessen würde Perfektionist Beck gerne den ersten Band neu sprechen. Die Aufnahmequalität fällt vergleichsweise ab, findet er, man hört die Schnitte. "Und mit dem ganzen Bogen der Geschichte im Kopf wäre auch die Interpretation nicht ganz die gleiche."
Sein Zugang zur Potter-Reihe ist vollkommen literarisch: "Ich habe mir keinen der Filme angesehen. Das gestatte ich mir erst, wenn ich alle Bücher gesprochen habe." Viel lieber würde er mitspielen: "Eine Rolle in einem Potter-Film wäre ein Traum. Da gehen alle Generationen rein, das guckt man sich immer wieder an, das ist für die Ewigkeit. Und ich glaube, inzwischen kenn ich mich mit dem Stoff schon ganz gut aus."

Thomas Aistleitner in FALTER 12/2007



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