Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945

Ernst Klee


Vor und nach 1945

724 Seiten sind zu wenig. Ernst Klees "Kulturlexikon zum Dritten Reich" hat für 4000 Künstler jeweils nur wenige Zeilen.

Das von Adolf Hitler auf tausend Jahre angelegte Dritte Reich währte bekanntlich gerade einmal zwölf – ein vergleichsweise kurzer Abschnitt in den Biografien der Parteigänger und Mitläufer. Vor vier Jahren erregte Ernst Klee mit einem Lexikon Aufsehen, das die Nachkriegskarrieren der wichtigsten NS-Persönlichkeiten auflistete. Als Fortsetzung dieses Handbuchs zur Kontinuität brauner Lebenswege hat der Theologe, Filmemacher und Publizist nun die Biografien von rund 4000 Künstlern recherchiert.
"Wer war was vor und nach 1945" lautet der Untertitel des Buchs, das trotz aller Akribie und Umsicht dazu verurteilt ist, niemanden wirklich zufriedenstellen zu können.
Schuld ist die Entscheidung, den Umfang auf 724 Seiten zu beschränken, um den Ladenpreis an der Schmerzgrenze von dreißig Euro zu halten. Die Rücksicht auf den Geldbeutel hat gravierende Abstriche nötig gemacht. Das betrifft neben der begrenzten Anzahl der aufgenommenen Schriftsteller, Maler, Bildhauer, Musiker und Filmschaffenden vor allem den Zwang, die Biografien so kurz wie möglich zu halten.
Signifikant ist der Eintrag zu Wilhelm Gabriel, dem Komponisten des Sauflieds "In München steht ein Hofbräuhaus". Für die Zeit vor 1933 werden zweieinhalb Zeilen verbraucht, für das Wirken im Nationalsozialismus achteinhalb, davon dreieinhalb für das Zitat eines Liedtextes. Und die Nachkriegszeit? Mehr als das Sterbedatum, 21.4.1964, und den Sterbeort kann oder will Klee hier nicht aufbieten.
Warum zahlreiche im KZ ermordete oder ins Exil getriebene Juden und Oppositionelle Aufnahme gefunden haben, andere aber unerwähnt geblieben sind, ist Klees Geheimnis. Bei Künstlern wie Arno Breker fehlt der Verweis, dass sie neben der Kontinuität des Vor- und des Nach-45 auch die Nähe von braunem und rotem Totalitarismus personifizieren. Bei Hitlers Lieblingsbildhauer werden zwar die Nachkriegsaufträge für Konrad Adenauer und Ludwig Erhard genannt. Das Werben Stalins 1948 aber bleibt unerwähnt. "Das Kulturlexikon zum Dritten Reich" hätte ein Vielfaches des Volumens nötig gehabt. Klee hat eine Steilvorlage für ein wissenschaftliches Forschungsprojekt verfasst. Bis dieses erscheint, darf sein Band mangels Alternative trotzdem als Standardwerk gelten.

Martin Droschke in FALTER 12/2007



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