Wilde Nächte. Ein Leben in Briefen

Emily Dickinson, Uda Strätling


Hoch die Schädeldecke!

Zu Lebzeiten veröffentlichte Emily Dickinson (1830–1886) ganze zehn Gedichte. Dennoch hat die Dichterin und passionierte Briefschreiberin die moderne Literatur mitbestimmt.

Ganz in Weiß, in der Hand Rosmarinseidelbast, glitt sie herein und fragte: "Wie lange bleiben Sie?" Die Begegnung des Predigers Thomas Higginson mit Emily Dickinson im August 1873 gehört zu den Gipfeltreffen der Weltliteratur: Die 43-jährige Dichterin erscheint dabei als kindlich und maniriert – ihre Naivität verschwindet, sobald es um Literatur geht: "Wenn ich ein Buch lese und mir wird davon am ganzen Körper so kalt, dass kein Feuer mich mehr wärmen kann, weiß ich: Das ist Poesie. Wenn mir buchstäblich ist, als würde mir die Schädeldecke entfernt, weiß ich: Das ist Poesie." Weibliche Poetik gut fünfzig Jahre vor Expressionismus, Dada und Surrealismus!
Der Weg der 1830 in einer angesehenen Familie aus Amherst, Massachusetts geborenen Emily Dickinson schien vorgezeichnet: Auf den Besuch des "Femal Seminary" samt Literaturkreis und Shakespeare-Lektüre sollte die Heirat folgen. "How short it makes me bride" dichtet sie romantisch und: "My friend must be a Bird – / Because it flies". In der fast vollständigen Übersetzung des 1800 Gedichte umfassenden Werks liest sich das so: "Mein Lieb ist wohl ein Vogel – Weil es fliegt! / Und sterblich ist es wohl – / Weil es erliegt. / Wie Bienen sticht es! / Ach, Du seltsam Lieb! / Verwirrest mich." In die Pastorale mischen sich sinistre Zwischentöne und Ekstasen: "Wild nights – Wild nights! / Were I with thee / Wild nights should be our luxury!" Der Adressat dieser Wildheit ist ebenso unbekannt wie der Grund jener mysteriösen Depression, die dazu führt, dass Dickinson ab ihrem 22. Lebensjahr für Jahrzehnte nicht mehr das eigene Haus verlässt.
Die Verbindung zur Welt hält Emily Dickinson durch ihre Briefe an fast hundert Briefpartner aufrecht. "Ein Brief ist eine Erdenfreude / Den Göttern vorenthalten." Dem Bruder schreibt sie übers Wetter, Freunden und Bekannten erzählt sie aus ihrem Alltag, vom Einkochen eines Weingelees etwa, von ihrem Hund, oder sie legt den Briefen Gedichte bei. Zu ihren Lebzeiten veröffentlicht Dickinson ganze zehn Gedichte.
Diesen und den Briefen gemeinsam ist ein zu rabiater Verkürzung neigender Satzbau, ein Metaphernwirbel, der von einer Flut an Gedankenstrichen skandiert wird. Im Brief an einen unbekannten "Master" heißt es: "Träfe eine Kugel einen Vogel direkt vor Ihren Augen – Gott – Liebe – Mond und Sichel – ,Sprechen Sie mir von dem Verlangen' – Sie wissen doch, was ein Blutegel ist? (...) Einmal glaubte ich, wenn ich stürbe – könnte ich Sie sehen – also starb ich, so schnell ich nur konnte – doch die Ewigkeit wird keine Abgeschiedenheit bieten." Was mitunter wie hysterisch sich überschlagende Wortanfälle anmuten, ist ein bis auf die "nackte Seele" freigelegter Liebesdiskurs.
Eckpunkte dieser quasimetaphysischen, vom traditionellen Kirchenlied ausgehenden Dichtung in kurzen Jamben sind poetische Definitionsversuche, die dann weit über das Gedicht hinausreichen: "Is Heaven a physician?", wird gefragt. Das Paradies nur noch "ein öder Ort – für den Gott / den Spitznamen Ewigkeit hat". Diesem Gott wird dafür prompt auch die Hand abgeschnitten. Im Landschaftsgedicht skalpiert "General Natur" die Bäume – "when Winds hold Forests in their Paws". Der eigene Schädel wird ebenso geöffnet wie jener des Vogels, um in den freiliegenden Hirnwindungen nach dem Ursprung des Lieds zu suchen!

Die zahlreichen Foltermetaphern haben Emily Dickinson den zweifelhaften Ruf einer amerikanischen Marquise de Sade eingetragen. Der englische Lyriker und Kritiker Ted Hughes attestierte diesem mystischen Furor ("Much Madness is divinest sense!") weit mehr: Scheinbar unpolitisch habe Emily Dickinson nicht weniger als eine "Neuschaffung Amerikas" vorgeführt; der Bürgerkrieg sei ins Innere eines poetischen, alle traditionelle Bande kappenden Systems verlegt worden. Dickinson – das ist ein anderer Ursprung der Arten. "True poems flee" heißt es in einem späten Gedicht voll unmenschlicher Zartheit: "Take all away from me, but leave me ecstasy." Und: "Pass to the rendezvous of Light."
Mit einer Kürzestformel verabschiedet sich Dickinson im Mai 1886 von ihren Nichten: "Little Cousins, Called Back". Mit der Briefauswahl "Wilde Nächte" und der zweisprachigen Gesamtausgabe der Gedichte ist bestens bedient, wer den Klang, um den es immer geht, hören will. Wie hatte sie Thomas Higginson erklärt? "Das Ohr ist das letzte Gesicht. Wir hören länger, als wir sehen."

Erich Klein in FALTER 12/2007



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