Moskau-Japan und zurück. non-fiction

Dmitri Prigow


Dead in Japan

Wie der russische Schriftsteller Dmitri Prigow das seltsamste Land der Welt besuchte und dort vollständig entrusst wurde.

Wer Japan besucht, bekommt augenblicklich eine drängende Lust, über die Eindrücke zu schreiben, "gleich nach der Ankunft ein ganzes Buch, einen ausführlichen, schlüssigen und alles erklärenden dicken Wälzer", wie Dmitri Prigow in seinem fröhlichen, gar nicht so dicken Buch "Moskau-Japan und zurück" es getan hat, um kurz darauf vor Ort resigniert festzustellen, dass einem bereits nach einem Jahr Aufenthalt allenfalls nur noch ein dürrer Artikel einfiele, der alles Notwendige erfasst, qualifiziert und systematisiert. Weshalb er sich auch beeilt, seine Eindrücke zu fixieren, bevor der schöpferische Elan versiegt und verkümmert ist, angesichts der auf ihn ohne Unterlass einprasselnden Bilder.

Prigows Bericht ist eine Art Vortrag, den er über das zweifellos fremdeste Land, das auf unserer Erde befestigt ist, seinen Freunden vom Moskauer Hinterhof hält. Anfangs behauptet er zwar noch, alle Länder, Städte, Menschen der Welt seien gleich beschaffen und ununterscheidbar, allüberall kanonisierte Anordnungen, alles einfach "unanständig ähnlich", um dann aber im Laufe seines Vortrags auf die Unterschiede zu kommen - also zum Beispiel von der Fetischisierung des Wodkas hüben zur Fetischisierung der Arbeit drüben.

Auch, dass ein Polizist sofort an einem vom Hochhaus gestürzten Toten erkennen könne, ob Fremdeinwirkung oder Selbstentleibung die Ursache sei. Trägt er Schuhe oder keine? Welcher Japaner würde mit Schuhen in den Tod gehen, man betrete ja schließlich einen privaten Raum. Wenn Prigow ein japanischer Toter wäre, wüsste er, was er zu tun habe, etwas, was er häufig nicht mal als europäischer "Nichtentschlafener" wisse. So schaltet sein Bericht immer von den eigenen komplizierten und raffinierten psychischen Leiden und Skrupeln um - etwa auf die "allseits bekannte und allen zum Hals heraushängende Teezeremonie", die ihn aber dann doch nicht kaltzulassen scheint: "Von Zeit zu Zeit behauchen mehrere Frauen den Tasseninhalt mit ihrem Spezialatem aus ihrem Mund, nachdem sie zuvor gewisse nur hier bekannte Gewürzkräuter gekaut haben." Acht quälende Stunden habe er regungslos ausharren müssen, "ohne auch nur mit einem Muskel seine Ungeduld oder sein Unbehagen zu verraten, wegen eines einzigen armseligen Tässchen Tees", von dem der Russe unter dem lautstarken, krachenden Abbeißen eines Stücks Raffinadezuckerklumpen in derselben Zeit bis zu hundert hinunterzustürzen in der Lage ist.

Prigow stellt zusehends fest, dass in Japan alles menschlicher ist, wenn auch auf eine gefühllos-gleichgültige Art von Menschlichkeit. Und weil das Land einen so gut zu absorbieren und zu infizieren vermag, merkt man allmählich, wie die Verbindung zum früheren Leben einschläft und das Bild der Heimat alle überflüssige Rauheit verliert, und am Ende "die Gestalt eines glatten, schimmernden, hoch in der Luft schwebenden, kugelförmigen Nostalgieobjekts annimmt".

Während die europäischen Gesichter in Japan irgendwie falsch, ungenau und grob wirken, und die langen und massigen Amerikaner nur noch zu bleichen Mehlgesichtern gerinnen, ist für den emigrierten Russen selbst bereits endgültige Klarheit eingetreten. Er ist einer von ihnen geworden, den selbst die "subtile Materie" japanischer Autos nicht mehr verwundert.

Tex Rubinowitz in FALTER 11/2007



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