Zu früh, zu spät. Zwei Jahre

Karl-Markus Gauß


Das Ich und die anderen

Karl-Markus Gauß legt mit "Zu früh, zu spät" sein drittes Journal vor und überzeugt dort, wo der eigene Narzissmus keine Rolle mehr spielt.

Vor drei Jahren hat Karl-Markus Gauß mit seiner Reportage aus den Roma-Ghettos in der Slowakei ein rundum perfektes Buch vorgelegt: Er hat sich auf eine Entdeckungsreise begeben, seine durchwegs lesenswerten Erfahrungen gemacht und dafür eine knappe, präzise Form gefunden. In seinem (nunmehr dritten) Journal sind diese Qualitäten zwar nicht verschwunden, aber nur noch stellenweise aufzufinden: Zu viel eitle Selbstbespiegelung durchzieht ein Buch, das viel mehr zustande brächte, wenn es weniger wollte.

Wie eindringlich kann Gauß vom Sterben erzählen, sei es vom Weggehen geliebter Menschen, sei es von der Todesangst, die den Schlaflosen manchmal befällt! Mit welch genauer Beobachtungsgabe nähert er sich den Menschen seiner unmittelbaren Umgebung und entlockt dem Auf und Ab der Tage existenzielle Abgründe! Welch geheime Verbindungslinien vermag er immer wieder zu entdecken, zwischen der Struktur und dem Ereignis!

Doch dabei lässt es das Journal leider nicht bewenden und derart geht auf über 400 Seiten das Fragile oft in einem Gepolter unter, das man vom Autor schon an anderen Stellen gelesen hat und das über die Jahre nicht besser oder einleuchtender geworden ist. Gegen die Kulturindustrie wird da gewettert - doch hinter Adorno her eine Neuauflage derartiger Kritik zu schreiben, affiziert mehr den Satzbau als die Erkenntnis. Gegen die künstlerische Avantgarde wird da zu Felde gezogen - aber das Anschauungsmaterial erschöpft sich weitgehend im Wiener Aktionismus, und selbst dessen Abfertigung gerät allzu billig. Gegen eine als marktschreierisch verworfene Österreichkritik wird da polemisiert - ohne zu erkennen, dass der eigene, schrullige Patriotismus diese lediglich in ihr Gegenteil verkehrt. Rechthaberisch wird da die Diktion, aufbrausend oder verächtlich der Gestus, die Sache selbst trifft es immer nur am Rande.

An etlichen Stellen des Buches stilisiert sich Gauß - kaum wagt man es zu sagen - selbst zur Avantgarde, nämlich zum Vorreiter einer neuen Lesekultur. Um sich als Titan des Entdeckens zu präsentieren, sieht er jedoch geflissentlich darüber hinweg, dass er in den Siebzigerjahren nicht der Einzige war, dem der Name Cioran etwas bedeutete, und dass es auch heute Wiederentdeckte ohne sein Zutun gibt. Gauß tatsächliche Entdeckerverdienste bleiben bestehen, gerade wenn man seine Erobererallüren auf diesem Felde zurückweist.

Aber wahrscheinlich gehört solcher Narzissmus zum Geschäft, und vielleicht ist er notwendiger Treibstoff, aus dem sich ein Journal speist. Was man Gauß jedoch tatsächlich vorwerfen kann, ist, dass er es mit sich selbst letztlich dann doch nicht ernst genug meint. Es gebricht ihm an Radikalität dem Ich gegenüber, an gegen sich selbst gerichteter Schonungslosigkeit, an Mut zur Selbstentblößung. Stattdessen tappt er allzuoft in die Falle eines Ressentiments, das das Ich auch wider besseres Wissen nur als Verkanntes wahrzunehmen bereit ist.

In "Zu früh, zu spät" gibt es Stränge verschiedener Erzählgenres, die die einzelnen Abschnitte verbinden, ein solcher roter Faden sind die Porträts unterschiedlichster Autoren (etwa Reinhold Schneider, Manès Sperber, Henri-Frédéric Amiel, Elias Canetti, Jean Améry, Lojze KovacÇicÇ), an die manchmal mehr, manchmal weniger geschickt angedockt wird, um mit ihnen Fragestellungen zu umkreisen. Ein anderes strukturierendes Element bilden Zeitungsmeldungen und Beobachtungen zum politischen Tagesgeschehen. Bisweilen fördert das Aufzeichnen dieser Ereignisse scharfsinnige Betrachtungen zutage (wie etwa die immer von neuem aufgenommenen zum Vandalismus), oft fehlt es den Interpretationen aber an Originalität. Dem Gesagten kann man zwar beinahe immer zustimmen, aber mit fortschreitender Lektüre wird gerade dieses Einverständnis fragwürdig. Das Banale ist natürlich auch wahr, aber will man es zu tatsächlicher Erkenntnis vorantreiben, so sollte doch eine überraschende Verknüpfung das immer schon Gewusste ins Unerhörte verwandeln.

Bestechend ist Gauß' Journal dort, wo es sich gänzlich davon freimacht, seinen Autor als Mehr-und Besserwisser erweisen zu müssen. An diesen Stellen kehrt eine Ruhe in das Geschriebene ein, die den Leseraum für Zwischentöne freimacht, die mit keinem Bonmot mehr gefüllt werden wollen und sich zu ihrer ganz eigenen Melodie formieren dürfen. Wenn sich Gauß etwa an seinen Vorgänger als Zeitschriftenherausgeber und wohl auch Gegner Kurt Klinger erinnert, dann führt er exemplarisch vor, was es heißt, die eigene Würde zu bewahren, ohne dem Gegenüber dieselbe zu versagen. Wenn er gegen den billigen Antiamerikanismus ein Porträt seiner aus den USA zu Besuch kommenden Verwandtschaft stellt, gelingt es ihm, dem Leser den Boden unter den Füßen wegzuziehen: Wer hier die Weltmänner und wer die Hinterwäldler, wer die good und wer die bad guys sind, das beginnt in dieser Miniatur auf großartige Weise zu verschwimmen. Wie Gauß von seinem Sohn lernt und ihn schließlich imitiert, das liest man mit Spannung, gerade weil der Autor hier entspannt etwas zum Besten gibt, das zu bekennen ganz und gar nicht leichtfällt.

Aber erst das Doppelporträt der Eltern! Des Vaters, der, aus dem gemeinhin als dumpf verschrienen Milieu der "Heimatvertriebenen" kommend, in der Schilderung seines Sohnes ein vielschichtiges, aufregendes und lesenswertes Leben bekommt. Und der Mutter, die gegen ihren angekündigten Tod anschrieb und Familiengeheimnisse zu Papier brachte, die so ans Herz gehen, dass man beschämenderweise ganz darüber vergisst, dass es Gauß ist, der mit ungeheurem Fingerspitzengefühl dieses Denkmal in seiner und durch seine Sprache setzt.

Gauß kündigt in diesem Journal an, dass es das letzte sei, in dem er sich noch dem Kalendarischen unterordnen wolle, dem letzten Tribut an das Tagebuch. Man wünscht, dass der Autor darüber hinaus auf sein Ego so weit verzichten möge, dass dieses nur noch aus dem Text strahle und nicht in ihm. Das Erscheinen eines solchen Journals darf man gespannt erwarten.

Stephan Steiner in FALTER 11/2007



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