Berliner Orgie

Thomas Brussig


No Pussy Blues in Mitte

Thomas Brussig rennt in seiner "Berliner Orgie" ausdauernd, aber ergebnislos dem Thema Prostitution hinterher.

Mann oder Frau können Prostituierte und ihr Tun auf zwei Arten kennen lernen: Sie sind ihre Kunden oder sie sind ihre Freunde. Auch das publizierende Subjekt muss einen der beiden Wege gehen, denn für Ein-bisserl-Reden (und dann drüber schreiben) ist im kommunikativen Universum der Huren kein Platz. Geilt sich doch dann womöglich der Berichterstatter (mit Sicherheit aber seine Leserschaft) am Topos Strich auf, ohne dafür das geforderte Knödel abzulegen. So geht das nicht, und das ist eigentlich einzusehen. Überdies will die Prostituierte per se nicht in die Öffentlichkeit. Weder in die Nachricht, noch ins Feuilleton.

An diesen Umständen scheitern in unregelmäßigen Abständen Schreiber und Schreiberinnen. Diesmal hat es einen von ihnen in Berlin erwischt. Thomas Brussig, in erster Linie als Schöpfer der Romanvorlage zu Leander Haußmanns Film "Sonnenallee" bekannt und von seinem Verlag als "der Balzac vom Prenzelberg" dargereicht, ist im Auftrag eines Berliner Boulevardblatts durch diverse Milieus der deutschen Kapitale "flaniert" (Brussig) und hat das Ganze jetzt als Buch veröffentlicht. "Berliner Orgie" setzt schon im Titel selbstbewusst Bezüge: Philip Roths Kurzroman "Die Prager Orgie" (1985) war ein Schlüsselbuch vor dem Fall des Eisernen Vorhangs, ein irrlichterndes Pandämonium, das ebenso gamsige wie geistreiche Westler und Ostler in der Abenddämmerung des Kalten Kriegs versammelte.

Diese Referenz weist im vorliegenden Fall aber ebenso ins Leere wie ein Houellebecq-Zitat in Brussigs Vorwort, wonach die europäischen Huren menschliche Wracks seien. Was nämlich dann in viel zu vielen Kapiteln kommt, hat mit Roths poetischem Sarkasmus so wenig zu tun wie mit Houellebecqs Kaltschnäuzigkeit. Es sind einfach schlechte Feuilletons, deren einzige Abwechslung im Setting besteht. Diesem - also Stadtteil, Architektur, alltägliche Details - kommt der Hauptstädter Brussig noch am ehesten bei. Kaum taucht eine Prostituierte auf, verdünnt sich das deskriptive Vokabular ("Schon wieder blond") und der rasende Reporter thematisiert lieber endlos das Finden der Metapher "Bordstein-Flamingo", wozu wir ihm hier gratulieren.

Weiter geht's, dem Gesetz der Printserie folgend, durch diverse huröse Genres: vom edlen, semiprofessionellen Swingerzentrum Artemis ("Ich habe die Zukunft der Prostitution gesehen!") zum Straßenstrich, vom "Freudenhaus Hase" bis zu den Diensten eines Escortservices. Brussig will nie mehr, außer reden, und das will er nicht sehr. Am frohesten wirkt er dann, wenn ihn eine nicht gleich hinausschmeißt, weil er sie nicht vögeln mag. Das klingt dann so: "Vermutlich macht sie ihre Arbeit wirklich gerne, denn als sich unsere Blicke treffen, merke ich, dass sie schon versucht, mich zu verführen."

Der Chronist variiert Berliner Ausformungen dessen, was Nick Caves leiwande neue Kapelle Grinderman gerade eben als den "No Pussy Blues" besungen hat. Nur kann man mit diesem Buch in der Hand hier weder rocken noch lachen, sondern nur gähnen. In der Zeitung kann man so was überlesen. Als bedeutungsschwer kredenztes Buch ist es ein Ärgernis.

Schon eingangs setzt uns Thomas Brussig im Ich-weiß-ich-klinge-jetzt-humorlos-Ton auseinander, dass er nichts mit Prostituierten anfangen könne. Zwar reize ihn die Möglichkeit, theoretisch alle haben zu können, dann aber wende er sich doch ab, weil ihm keine jemals ganz gehören werde. Er vermag diese Skepsis aber nicht produktiv zu machen, und der Leser fragt sich zusehends, weshalb der Dichter den Auftrag überhaupt angenommen hat. Zuletzt hat man nämlich wenig über Berlin, kaum was über dessen Huren und wenig über Thomas Brussig erfahren.

Ernst Molden in FALTER 11/2007



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