Die Hundeesser von Svinia

Karl-Markus Gauß


Auf seiner Reise zu den "Hundeessern von Svinia" begegnet Karl-Markus Gauß dem Elend der Roma und dennoch nicht nur Schmutz und Armut.

Karl-Markus Gauß hat mit seinem mittlerweile recht respektabel dimensionierten und sich gerade in letzter Zeit fast verstörend flott vergrößernden Werk ein eigenes Terrain geschaffen. Der Salzburger Essayist und Literaturkritiker ist zu einem - längst über die Landesgrenzen hinaus bekannten und geschätzten - Spezialisten für die Randlagen und Randständigen Europas avanciert. Darin äußert sich freilich weder ein nostalgisches Faible für aussterbende Völker und Kulturen noch ein romantischer Exotismus, der das Eigentliche im Ephemeren aufspüren möchte, als vielmehr eine profunde Skepsis gegenüber der zur Ideologie aufgeblähten Auffassung, dass das, was sich durchsetzt, deswegen auch schon den Namen Fortschritt verdiene.

Gauß, der nicht gerade für seine Neigung zum trauten gemeinsamen Kirschenverzehr bekannt ist, kann in tagesaktueller Erregung durchaus grob werden. Als Schriftsteller jedoch weiß er, dass Kritik nichts mit der wohlfeilen Radikalität zu tun hat, in der es sich die Nörgelvirtuosen Österreichs - von Thomas Bernhard abwärts - immer wieder gemütlich gemacht haben und machen. Diese Einsicht ist Gauß vermutlich nicht ganz neu, aber sein jüngstes Buch, der soeben erschienene Reisebericht über "Die Hundeesser von Svinia", will es so, dass der Autor 48 Jahre alt werden und in die Slowakei fahren musste, um in Kosice und dank der dort als Chefredakteurin der Roma Press Agency arbeitenden Krístina Magdolenová zu erfahren, "was es mit der Tugend der Kritik auf sich hat":

"Da ich aus einem Land kam, in dem es der intellektuelle Brauch war, Kritik mit der Übertrumpfung des Negativen zu identifizieren, und sich folglich die kritischen Köpfe in einem aufgeregten Wettkampf befanden, wem die Welt im Allgemeinen und Österreich als deren verkommenster Teil im Besonderen noch furchtbarer erschien, wunderte mich die Auffassung dieser Frau, Kritik würde bedeuten, die Dinge zu differenzieren und sie mitunter sogar weniger entsetzlich, also in meinem österreichischen Sinne weniger kritisch zu sehen."

Im Konkreten bedeutet das, dass Magdolenová in ihrer Zeitschrift nicht nur von der pogromartigen Verfolgung der Roma oder Apartheid-ähnlichen Zuständen in den slowakischen Schulen berichtet, sondern auch davon, dass manche Roma Urologen werden. Für den Autor bedeutet es, dass er auf den billigen Urlaubsliberalismus verzichtet, sich im Ausland über die Ressentiments anderer erhaben zu dünken, wenn man zu Hause schon Vernichtungsfantasien entwickelt, sobald der Depp von nebenan den Motor laufen lässt und Techno hört: "Hier war ich nahe daran, die Slowaken, Ungarn, Zipser dafür zu verachten, dass sie die Roma verachteten, von denen ihnen doch ganz anderes zugemutet wurde als mir von meinem Yuppie, der nicht viel Schlimmeres tat, als seine Dummheit in Wohlstand zu genießen. Die Roma hingegen lärmten von früh bis spät in der Nacht, scherten sich nicht um die Berge von Müll, die sie täglich vergrößerten, und brachten den Orten, in denen sie zur Sesshaftigkeit genötigt wurden, nicht die geringste pflegende Zuneigung entgegen."

Gauß ist nicht so naiv, den Reisenden zu geben, der in der Fremde unschuldig die Augen aufschlägt; er ist aber auch keiner, der auszieht, um anderswo erst recht sich selbst zu begegnen. Details über die Befindlichkeit seiner Verdauung spart er sich also, dafür erfahren wir, wenn er in einem italienischen Restaurant in Presov zum ersten Mal Gelegenheit hat, die slowakische Küche zu probieren, wenn ihm der Gestank der Zigeunersiedlung von Svinia schier den Atem raubt - was von den Bewohnern mit gutmütigem Amüsement hingenommen wird -, oder wenn ihn die Sehnsucht nach der eigenen Tochter wieder nach Hause zieht.

"Die Hundeesser von Svinia" halten eine wohltuende Balance zwischen dem Präsens der Begegnung und dem Präteritum historischen Wissens: Gauß hat keine Scheu, die Früchte seiner Recherchen und Lektüren auch in kleinen historischen Exkursen unter die Leser zu bringen. Es schadet nie, wenn man was weiß, und zum Schockierendsten, dem der Reisende hier begegnet, zählt die Selbstvergessenheit der Roma, denen über der Erosion der eigenen Kultur jegliches Zeitgefühl verloren gegangen ist, sodass sie nicht einmal über die eigene Biografie verfügen.

All das wird nicht mitleidlos, aber unsentimental registriert, ohne etwas zu beschönigen. Gauß beschreibt, wie Arbeitslosigkeit und Apartheid viele Roma in Verelendung und Selbstverachtung treiben, und prophezeit, dass die einst stolzen und patriarchalen Familienväter demnächst "wie die letzten Indianer mit der Schnapsflasche im Dreck liegen" werden. Aber als einer, der auch über die Gabe der Zuspitzung verfügt, hält er nicht damit hinter dem Berg, auf wessen Seite er steht, wenn die "Geschäftseuropäer" gerade so weit an die Zigeunerslums herankommen, dass sie mit den Stöckelschuhen nicht im Dreck versinken und sich die Anzüge nicht schmutzig machen.

Das Wesentliche an einem Slum, so heißt es schon zu Beginn der Reise, als Gauß - gegen den Rat noch des liberalsten Akademikers - die von Roma bewohnte Siedlung Lunik IX in Kosice besucht, ist nicht Armut, Gewalt oder Verfall, es ist "seine Unsichtbarkeit". Diese zu überwinden gehört zu den nobelsten Aufgaben der Literatur; und das wiederum ist die Voraussetzung dafür, dass dem Elend Europas nicht nur literarisch begegnet wird. Sondern? Mit Toleranz, würde Gauß vielleicht sagen. Weil er weiß, dass dieser geschundene Begriff nur dann zu retten ist, wenn ihm eine prekäre Anstrengung zugrunde liegt: Armut und Unmündigkeit nicht zu akzeptieren und doch hinzunehmen, "dass andere anders leben als wir und auch das Recht dazu haben".

Klaus Nüchtern in FALTER 9/2004



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