Windows on the World

Frédéric Beigbeder, Brigitte Grosse


In "Windows on the World" versucht der französische Skandalautor Frédéric Beigbeder der Katastrophe des 11. Septembers näher zu kommen. Mit dem "Falter" sprach er über die Vorteile der Fiktion, sein langweiliges Leben und die USA.

Neben Michel Houellebecq, der ihn auch protegiert hat, ist Frédéric Beigbeder der derzeit wohl bekannteste, erfolgreichste und meist diskutierte Autor Frankreichs. Nachdem er zehn Jahre lang als Werbetexter gearbeitet hatte, gelang ihm 2000 mit seinem "99 F" (deutsch: "39,90", 2001) ein wohl kalkulierter Skandal über die Verkommenheit der Werbebranche. Sein jüngster Roman, der demnächst unter dem Originaltitel "Windows on the World" in deutscher Übersetzung erscheint, hat sich in Frankreich - wie bei Beigbeder üblich - bereits 300.000-mal verkauft.

Falter: Nachdem Sie in Ihrem Roman "39,90" von Ihren Erfahrungen in der Werbebranche berichteten, verloren Sie Ihren Job in einer Agentur. Haben Sie es je bedauert, auf diese Weise zum professionellen Autor zu werden?

Frédéric Beigbeder: Ich wurde ja auch reich und berühmt. Also war es nicht allzu schmerzlich.

Falter: Wie schaffen Sie es, gleichzeitig fürs Fernsehen, als Verleger, Autor und Kritiker zu arbeiten?

Frédéric Beigbeder: Ich arbeite nicht mehr fürs Fernsehen. Ich werde nur noch fürs Lesen und fürs Schreiben bezahlt. Das ist leichter. Ich leite die Abteilung für französische Literatur beim Verlag Flammarion, aber als Autor bin ich bei Grasset, um meine Tätigkeiten auseinander zu halten.

Falter: Als Verleger müssen Sie über die Bücher Ihrer Schriftstellerkollegen entscheiden, die zugleich Ihre Konkurrenten auf dem Markt sind. Gibt es da keine Konflikte?

Frédéric Beigbeder: Überhaupt nicht. Ich verlege alles, was mir gefällt. Im Übrigen betrachte ich andere Autoren nicht als Konkurrenten. Victor Hugo sagte: "Es gibt keinen Wettbewerb in der Kunst. Schriftsteller sind wie Wölfe: Sie fressen sich nicht gegenseitig."

Falter: Was braucht man vor allem, um über den 11. September zu schreiben: Mut? Unverfrorenheit? Fantasie? Betroffenheit?

Frédéric Beigbeder: Nein, Neugier. Jeder Schriftsteller ist ein Voyeur. Ich sagte mir: Ich will sehen, was wirklich geschah. Ich will wissen, wie es sich anfühlte, an jenem Morgen im Restaurant des World Trade Center gefangen gewesen zu sein, mit einem Flugzeug unter den Füßen. Dazu braucht man keinen Mut. Ich saß in meinem Apartment, ohne Boeing-Einschlag unter mir.

Falter: Was lässt sich mit literarischer Imaginationskraft denn erreichen?

Frédéric Beigbeder: Manchmal ist Einbildungskraft der einzige Weg, um die Wahrheit herauszubekommen. Manchmal ist Fiktion der beste Weg, um Wirklichkeit zu beschreiben. Über die Tragödie des 11. September gibt es nur wenige Zeugen und Dokumente: ein paar E-Mails, Stimmen auf Anrufbeantwortern, SMS ... Einen Roman zu schreiben kann dabei helfen, besser zu verstehen, was wirklich geschah: der Rauch, das Dröhnen, der Gestank, der Terror, der Albtraum, in dieser Falle zu hocken. Deshalb lese ich Romane. Romane können überall eindringen, selbst in verborgene, verbotene oder heilige Räume.

Falter: An einer Stelle schreiben Sie darüber, eine neue Religion gründen zu wollen. Diese Religion soll zwei Türme als Symbol haben. Möchten Sie zum Propheten werden? Und woran gilt es dann zu glauben?

Frédéric Beigbeder: Oh, das war ein Witz. Weil die christliche Religion auf einer Tragödie begründet wurde - ein Mann wurde an ein hölzernes Kreuz geschlagen -, dachte ich: Warum nicht eine neue Religion gründen mit den Zwillingstürmen? Das wäre die "Religion des angegriffenen Kapitalismus" oder der Glaube an den baldigen Weltuntergang: Apocalypse now! Und ich wäre dann der neue Rael! Nein, im Ernst, es ist nur schwarzer Humor. Wenn mir der Horror zu nahe kommt, versuche ich damit Scherze zu treiben. Und ebenso mache ich meine Witze über die Verrücktheit der Fanatiker auf beiden Seiten - bei Muslimen und bei Christen.

Falter: Die Menschen, die Sie im World Trade Center versammeln, sind allesamt recht schlichte Charaktere. Sie reden über Börsenkurse, Sex und Vergnügen. Wenn es Ihnen aber darum geht, die Besonderheit jedes individuellen Lebens zu zeigen, warum haben Sie sich dann mit so trivialen Figuren begnügt?

Frédéric Beigbeder: Einspruch. Sie reden nur über zwei Charaktere, die in der Tat von Sex und Geld besessen sind. Alle anderen Charaktere sind kompliziert und gefühlvoll: Carthew, der Vater, der versucht, seine zwei kleinen Söhne zu retten, und voller Schuldgefühle und Melancholie auf sein oberflächliches Leben zurückblickt. Oder Lourdes, die Barkeeperin. Oder Jerry und David, die beiden verstörten Jungen, die der Realität in ihre Fantasiewelt voller Superhelden entfliehen. Es ist Ihnen absolut erlaubt, dass Ihnen mein Roman missfällt, aber dass meine Charaktere "trivial" wären, ist nicht wahr. Ich hoffe, das Gegenteil trifft zu. Andernfalls wäre mein Buch ein totaler Fehlschlag und ich könnte mich sofort umbringen.

Falter: Bedeutender als die fiktionalen Charaktere wird bald der Erzähler namens "Frédéric Beigbeder". Warum ist Ihre Person im Zusammenhang mit dem 11. September so wichtig?

Frédéric Beigbeder: Ich bin nicht wichtig. Mein Leben ist langweilig und nicht von Interesse. Aber als ich mich entschied, über den 11. September zu schreiben, hielt ich es für folgerichtig, auch über die Wirkung zu schreiben, die diese Katastrophe auf unser Leben hatte. Also wählte ich eine Person aus, die ich besonders gut kannte: mich. Tragödien sind nutzlos, wenn wir nicht versuchen zu ergründen, wie sie uns physisch und seelisch verändern.

Falter: Gibt es eine Differenz zwischen dem fiktionalen "Frédéric Beigbeder" und dem Autor Frédéric Beigbeder?

Frédéric Beigbeder: Nein. Machen Sie es bitte nicht komplizierter, als es ist.

Falter: Sie schreiben, der Roman sei ein "Versteck" für Sie. Was meinen Sie damit?

Frédéric Beigbeder: Schreiben ist niemals völlig wahrhaftig. Es kann sein, dass man die Wahrheit erzählen will und aufrichtig glaubt, das zu tun, aber trotzdem schafft man es irgendwie, die besten Ansichten von sich zur Geltung zu bringen und die hässlichen Seiten zu verbergen. Insofern könnte man sagen, dass ich mich hinter dem 11. September verstecke.

Falter: Ihr Buch hat sich in Frankreich 300.000-mal verkauft - nicht zuletzt wohl deshalb, weil es auch um das amerikanisch-französische Verhältnis geht. Glauben Sie, dass das ohne weiteres auf andere Länder übertragbar ist?

Frédéric Beigbeder: Das weiß ich nicht. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich etwa die Beziehung zwischen Amerika und Deutschland nicht so sehr von der amerikanisch-französischen Hassliebe unterscheidet. Unsere nationale Geschichte ist sehr unterschiedlich, aber heute sind Frankreich und Deutschland ähnliche Länder geworden: alt und stolz, aber klein und machtlos. Und wir reagieren mit derselben Schizophrenie auf Amerika: Wir sind eifersüchtig auf die USA und erschrocken zugleich. Wir lieben amerikanische Kultur und hassen amerikanische Politik.

Jörg Magenau in FALTER 9/2004



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