Schriften in vier Bänden. Dits et Ecrits. Band III. 1976–1979

Michel Foucault, Daniel Defert, François Ewald


In neu aufgelegten Schriften und Reden Michel Foucaults kann man dem Pariser Gelehrten beim Denken zusehen - und beim Erfinden jener Begriffe, ohne die heute kein sozialphilosophischer Diskurs mehr auskommt.

Der Mann war, zu Lebzeiten schon, nicht irgendein Professor. Trotz seiner Vortragsweise, die schrill mit den antiautoritären Zügen der Zeit kontrastierte, drängten sich die Studenten in seinen - im Wortsinn - Vorlesungen. Weil sonstige Zugangsbeschränkungen nicht möglich waren, setzte er die Veranstaltungen auf 9.30 Uhr am Morgen an, in der Hoffnung, so Studenten abschrecken zu können. Als er 1970 den Lehrstuhl am Collège de France übernommen hatte, war Michel Foucault im französischen Gelehrtenolymp angekommen.

Jetzt, zwei Jahrzehnte nach Foucaults frühem Aidstod, wird sein Œevre nach und nach auch auf Deutsch komplettiert. Seit zwei Jahren bringt der Suhrkamp-Verlag Foucaults Reden und Schriften heraus. Band drei der auf vier Bände zu je rund tausend Seiten angelegten Ausgabe ist gerade erschienen.

Am Ausgangspunkt des Foucault'schen geistigen Abenteuers stand die Frage nach der Ordnung des Wissens und der jähen Umwandlung dessen, was zu gegebener Zeit denk- und vorstellbar ist. Das Wissen hat seine Ordnung und jede Ordnung ihr Wissen. Über die Stücke aus den Jahren 1976 bis 1979 hinweg lässt sich nun die Wandlung der Perspektiven und Interessen des Philosophen (der sich selbst immer als Historiker bezeichnete) genauer studieren. "Ich habe lange geglaubt, das Problem, das mich eigentlich bewegte, sei eine Analyse des Wissens und der Erkenntnisse", sagt er einem Gesprächspartner. "Heute glaube ich nicht mehr, dass dies mein Problem war. Mein eigentliches Problem (...) ist das Problem der Macht."

Die Macht habe keinen Zentralort, von dem sie ausgeht, argumentiert er. "Die Macht, das existiert nicht." Die Diskurse (eines der von Foucault modern gemachten Worte) sind zwar von Macht geordnet, aber die Macht "ist weder Quelle noch Ursprung des Diskurses". Die Macht vollzieht sich über den Diskurs, sie ist etwas, das "nur in actu existiert". Sie "übt sich als Netz aus", in Maschen und Kapillaren, berieselt "den gesamten Gesellschaftskörper und bis in seine feinsten Poren hinein (...) mit Machteffekten".

Die Macht geht durch die Individuen nicht nur hindurch ("es gibt stets etwas in uns, das gegen etwas anderes in uns kämpft"), das Individuum selbst "ist eine Wirkung der Macht". Der Mensch ist selbst immer schon das Resultat einer Unterwerfung. Die Macht ist produktiv. Aus solcher Perspektive ist es natürlich völlig sinnlos, allen Ton auf den repressiven Charakter dieser Macht zu legen. Geradezu leidenschaftlich argumentiert Foucault über Jahre hinweg gegen die Vorstellung an, die Macht sei etwas, vergleichbar mit einem Gesetz, "das Nein sagt".

Ich glaube, sagt er, "dass darin eine ganz und gar negative, enge und dürre Auffassung von der Macht vorliegt (...), dass sie in Wirklichkeit die Dinge durchläuft und hervorbringt, Lust verursacht, Wissen formt und einen Diskurs produziert; man muss sie als ein produktives Netz ansehen".

Es ist dies der Punkt, an dem Foucault Mitte der Siebzigerjahre steht. Er hat die großen strukturierenden Mächte ein bisschen aus seinem Blick gerückt und die Mikrophysik der Macht zu seinem Thema gemacht. Doch irgendwie blieb es seltsam verschwommen, inwiefern sich Herrschaft, Staat, Regierung - fast ist man versucht, diese großen Begriffe in Anführungszeichen zu setzen - in die Machteffekte in den Kapillaren, an der Peripherie, in den Individuen selbst übersetzen.

Hier plötzlich bringt Foucault den Begriff der Gouvernementalität ins Spiel, ein schillerndes Wort: nicht Macht, nicht Herrschaft, nicht Repression klingt hier an, sondern "Regieren", aber auch "Mentalität", die Entwicklung eines Leitungstypus und eines Typus des Geleitetwerdens, eines Verhaltenstypus. Die moderne Macht interessiert sich für jeden Einzelnen: sein Fortpflanzungsverhalten (Demografie!), seine Ausbildung, seine Gesundheit, seine Normierung, kurzum - seine Erfassung. Macht wird zur "Regierung", zur spezifischen Technik, deren Zweck es ist, über Hunderte und Aberhunderte Stellschrauben und Mechanismen Machteffekte zu erzielen. Machteffekte, die in die Individuen einwandern, diese umformatieren, Verhaltensweisen produzieren, aber auch Werte und Gewissen, die so wiederum auf die Macht zurückwirken. An dieser Stelle macht Foucault sich auch explizit Gedanken über den Neoliberalismus, der weniger durch positive "Ziele" definiert sei, als vielmehr eine "kritische Reflexion über die Regierungspraxis": Er werfe "die Frage des ,zu viel' Regierens" auf und ziele auf eine neue "gouvernementale Vernunft". Da ist Foucault so aktuell, als wäre er noch unter uns.

Man kann diesen Band auch als Einführung in Foucaults Denken lesen. In den Gesprächen und Vorträgen kommt er immer wieder auf seine Thematiken zurück, was jene schätzen werden, denen Foucaults große Studien zu hermetisch sind, die oft zwischen essayistischer Brillanz und äußerster Sprödigkeit schwanken. Man beobachtet die Begriffe gewissermaßen im Moment ihrer Entstehung, Foucault'sche Termini, die sich heute in jedem - ja - Diskurs finden: Biomacht, Disziplinen, Selbsttechnologien. Heute sind diese Begriffe die Schlüsselworte der Ich-AG-Ära, die Foucault analytisch vorwegnahm: das Einwandern der Macht in die Subjekte, von dem Foucault sprach, etablierte zweifellos jene Technologien der Selbsterfindung, aber auch der Selbstdressur, ohne die das reibungslose Funktionieren der flexiblen Menschen am Markt gar nicht möglich wäre.

Fast unmerklich führt Foucault diese Begriffe ein, die heute fixer Bestandteil sozialwissenschaftlichen Räsonierens sind, indem er Probleme hin und her wälzt. Indem er sie jetzt vor unser aller Augen wälzt, ist der Nebeneffekt: Foucault erklärt Foucault, immer wieder.

Und er zeigt sich als leidenschaftlicher Intellektueller, der alle paar Jahre seine Studien beiseite schiebt, um sich in ein Ereignis zu versenken. 1978 war dieses Ereignis die iranische Revolution. Foucault war fasziniert und auch ein wenig begeistert von der "politischen Spiritualität". Foucault fährt mehrmals in den Iran, trifft Oppositionelle und Ayatollahs und schreibt Reportagen für italienische und französische Zeitungen. Die sind von Beginn an von einer erstaunlichen Sensibilität für den "Wunsch nach einer radikalen Veränderung des Daseins", der über das bloße Ziel, den Schah zu stürzen, schnell hinausgeht. "Das Problem des Islam als einer politischen Kraft ist für unsere Zeit und die kommenden Jahre von zentraler Bedeutung", schreibt Foucault, und an anderer Stelle: "Der Islam - der nicht bloß eine Religion ist, sondern eine Lebensweise, eine Zugehörigkeit zu einer Geschichte und einer Kultur - droht ein gewaltiges Pulverfass zu werden."

Foucault muss sich in der Folge sagen lassen, er habe die Entstehung einer religiösen Despotie verniedlicht. Aber gerade aus der Perspektive des Jahres 2004 hat man doch eher den Eindruck, dass es dieser Empathie bedurfte, um die Energie zu ermessen, die ein Ereignis wie das von Teheran freisetzte.

Eine Revolte ist eine Revolte, mit einer eigentümlichen Würde und historischen Kraft; auch wenn bärtige Männer ihre Posterboys sind, und ziemlich unabhängig davon, was aus ihr wird. Wäre es anders, wäre sie ungefährlich.

Robert Misik in FALTER 9/2004



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