Lexikon der Wiener Straßennamen. Bedeutung, Herkunft, frühere Bezeichnungen

Peter Autengruber


Der Straßenaufarbeiter

6405 Wiener Geschichten: Historiker Peter Autengruber kennt jedes Gässchen der Stadt, gerade ist sein Lexikon der Wiener Straßennamen neu aufgelegt worden.

Seine schlimmsten Feinde sind Bürgermeister mit vermeintlich guten Ideen. Wenn Peter Autengruber, Seitenscheitel, dunkler Anzug, rote Krawatte, über Dorfregenten spricht, die Straßen nach jungen Skifahrern benennen lassen, vergisst er für einen kurzen Moment, dass er eigentlich ein sehr zurückhaltender Mensch ist. Dann schüttelt er den Kopf, erst langsam, dann schneller, rudert mit den Armen und ruft: "Das ist doch wirklich lächerlich!" Denn wer könne wissen, wie wichtig zum Beispiel Mario Matt, nach dem ein Platz in dessen Tiroler Heimatort Flirsch benannt wurde, in dreißig, vierzig Jahren noch sei? "In Wien wäre so etwas nicht möglich. Und das ist auch gut so." Um im Straßennetz der Bundeshauptstadt verewigt zu werden, muss man nämlich nicht nur besondere Verdienste um die Stadt vorweisen können, man muss auch schon mindestens ein Jahr tot sein - damit auch wirklich nur Wienern, die ihr ganzes Leben wichtig waren (und es auch danach noch sind), diese besondere Ehre zuteil wird. "Bei Lebenden weiß man ja nie, was noch kommt", sagt Autengruber, dessen Lexikon der Wiener Straßennamen soeben in sechster Auflage erschienen ist.

Seit gut 15 Jahren beschäftigt sich Autengruber, der in Geschichte dissertiert hat und hauptberuflich als Leiter des ÖGB-Buchverlags arbeitet, schon mit den Straßennamen der Stadt. Die neue Auflage seines Buchs enthält über achtzig Neubenennungen - vom Alfred-Dallinger-Platz in Landstraße über den Hedy-Lamarr-Weg in Meidling bis zur Simon-Wiesenthal-Gasse in der Leopoldstadt. Daneben waren auch bei den "alten" Straßen ein paar Überarbeitungen nötig. "So ein Lexikon ist etwas sehr lebendiges, ich versuche mich, so gut es eben geht, auf dem Laufenden zu halten und neue Erkenntnisse mit einzuarbeiten." 6405 Straßennamen gibt es derzeit in Wien. Die Frage, welche wie viel Platz im Buch bekommen sollen, beschäftigte den Autor lange. "Damit nimmt man natürlich auch eine Wertung vor."

Könnte der Historiker, der auch Mitglied des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands (DÖW) ist, selbst Straßennamenänderungen vornehmen, käme als Erstes die Sebastian-Brunner-Gasse im 13. Bezirk dran. "Die geht mir wirklich auf die Nerven. Denn Brunner war nicht nur Prälat und Gründer der Wiener Kirchenzeitung, sondern auch Antisemit." In den letzten Jahren sei man aber diesbezüglich weitaus vorsichtiger geworden. "Jemand, der um 1900 geboren ist, wird erst einmal vom DÖW, aber auch von anderen Stellen hinsichtlich seiner Vergangenheit genau überprüft." Ist nämlich erst einmal eine Straße nach einer Person benannt, und es stellt sich im Nachhinein heraus, dass sie eher keine eigene Verkehrsfläche verdient hat, wird's kompliziert - und teuer: Für die Kosten, die den Anrainern für die Adressenänderung entstehen, muss nämlich der Bezirk aufkommen. Ist ein Name nicht mehr tragbar, versucht man daher, eine andere Lösung als die Umbenennung zu finden - indem man jemand Würdigeren gleichen Namens findet zum Beispiel. So ist der Schlesingerplatz im Achten seit Sommer 2006 nicht mehr nach dem Mathematiker und Antisemiten Josef Schlesinger, sondern nach der jüdischen Frauenrechtlerin Therese Schlesinger benannt. In den nächsten Jahren sollen überhaupt mehr Frauen eigene Straßen bekommen. "Das ist dem zuständigen Stadtrat Mailath-Pokorny ein besonderes Anliegen", versichert Autengruber. Hedy Lamarr - "nicht als Schauspielerin, sondern als Wissenschaftlerin" habe man zum Beispiel ganz bewusst gewählt.

Autengruber weiß auch einiges über die Geschichte von Straßenschildern, schlendert man mit ihm durch die Stadt, zeigt er immer mal wieder auf rote, blaue, grüne oder violette Tafeln aus der Habsburgerzeit, als noch jeder Bezirk eine eigene Straßennamenfarbe hatte. Sein Lieblingsschriftzug befindet sich in der Blutgasse, Ecke Domgasse: Joseph II. ließ 1782 jedes Eckhaus am Anfang und am Ende einer Verkehrsfläche in Wien beschriften, nur in der Blutgasse sind die Buchstaben bis heute nicht übermalt worden. Auf manche Frage weiß aber selbst der Experte für Straßenbenamsung keine Antwort. Zum Beispiel, warum es neben einem Fußballerviertel (Jedlersdorf) und einem Literatenviertel (Schafberg) mit Namen wie Ferdinand-Käs-Gasse oder Stefan-Zweig-Platz auch ein Edelsteinviertel (Leopoldau) mit einer Opalgasse, einem Topasplatz und einer Rubingasse gibt. "Das kann ich nicht genau sagen, da hatte halt einer einmal eine Idee." So wie beim Matt-Platz in Flirsch.

Martina Stemmer in FALTER 10/2007



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