Arthur & George

Julian Barnes


Was ein Mann tun soll

In Julian Barnes' "Arthur & George" spielt der Erfinder Sherlock Holmes' selbst Detektiv.

Schlägt man "Arthur & George" auf, denkt man vielleicht: "aha!" In schneller Folge wechseln mit "Arthur" und "George" überschriebene Kapitel, und Barnes-Leser werden mutmaßen, der Autor hätte sein bereits in Romanen wie "Darüber reden" und "Liebe usw." angewandtes Konzept des mehrstimmigen Erzählens wieder aufgegriffen. Man wird bei fortschreitender Lektüre freilich sehr bald merken, dass die Sache hier anders liegt: Erzählt wird in der dritten Person und im Stile eines auktorialen Erzählers, der auch durchaus interpretierend eingreift – und sei es durch sanften Sarkasmus, wenn zum Beispiel davon die Rede ist, dass dem Schulunterricht "durch emphatische Prügel" Nachdruck verliehen wird.
Wie in einem doppelten Entwicklungsroman werden auf diese Weise zwei Biografien von ihrem Beginn her entrollt: Hier der von Schottland nach England in die jesuitische Obhut verschickte Arthur mit seiner resoluten, den Sohn zur Ritterlichkeit erziehenden Mutter und dem im Irrenhaus endenden trunksüchtigen Vater; dort George, Sohn eines indischen, zum Christentum konvertierten Parsen und einer Schottin, dessen Familie den ganz offensichtlich rassistisch motivierten "Späßen" eines anonymen Tunichtguts ausgesetzt ist.
Auf Seite 111 dann – Arthur hat seine schwer lungenkranke erste Frau mittlerweile in die Schweiz begleitet und dort als erster Engländer mit Skiern einen Alpenpass überquert; George arbeitet als Anwalt in einer Kanzlei in Birmingham und hat ein Brevier über die Rechte von Eisenbahnfahrgästen verfasst – ist ein Kapitel erstmals mit "George & Arthur" überschrieben, ohne dass sich die beiden darin tatsächlich begegnen würden: Wir ahnen allerdings, dass der Mann, der sich da nächtens still und heimlich an ein Pferd heranmacht, nichts Gutes im Schilde führt, und dass dieses Ereignis die beiden Titelhelden wohl endgültig zusammenführen wird.
Bis dahin dauert es aber ziemlich genau noch weitere 200 Seiten, auf denen George der Tierverstümmelung bezichtigt, verhaftet, schuldig gesprochen und zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt wird; auf denen der zum Starautor avancierte Arthur in den Burenkrieg zieht, seine Frau pflegt und eine sexuell (vorerst) nicht vollzogene Liebschaft zu Jean unterhält, verwitwet und von Trauer und Schuld bedrückt wird. Keine Frage: Arthur Conan Doyle, Erfinder des Sherlock Holmes, leidet unter einer veritablen Identitätskrise. Und diese ist wohl mit dafür verantwortlich, dass er – immer wieder mit seiner berühmten Figur verwechselt und um detektivischen Beistand gebeten – nun erstmals einen Fall annehmen wird – eben den von George Edjali: "Wenn ein Mann nicht weiß, was er tun will, dann muss er herausfinden, was er tun sollte. Wenn das Verlangen zu kompliziert geworden ist, dann hält man sich an die Pflicht."

Julian Barnes hat sich dieses realen Justizfalls angenommen (siehe dazu das Interview mit dem Autor in Falter 10/07). Herausgekommen ist weder ein Krimi noch ein Gerichtssaaldrama – dazu ist "Arthur & George" viel zu langsam, umschweifig und mitunter fast betulich erzählt –, sondern etwas, was bei eitleren Autoren großspurig als Epochenporträt und geistesgeschichtliches Panorama daherkäme. Dazu ist Barnes freilich zu diskret. So wie die Protagonisten einander sehr spät treffen, so scheinen auch die Themen, Handlungsstränge und Motive des Romans erst nach und nach zueinanderzufinden. Und Arthur Conan Doyle, diese Verkörperung von Englishness, erweist sich als seltsam zerrissener Charakter. Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen – hier nimmt sie buchstäblich Gestalt an. Am Ende wohnt George einer bombastisch inszenierten Séance bei, und erneut gerät das Bemühen um Gewissheit, das fast alle Figuren des Romans umtreibt, in die Bredouille: "Er weiß nicht, ob er Wahrheit oder Lüge gesehen hat oder eine Mischung von beidem. Er weiß nicht, ob die offenkundige, überraschende, unenglische Inbrunst der Menschen um ihn herum an diesem Abend ein Beweis für Scharlatanerie oder für Gläubigkeit ist. Und wenn sie Gläubigkeit beweist, ob es ein wahrer oder ein falscher Glaube ist."
Wo im Film "The End" über die Leinwand flimmert, steht bei Barnes die Mehrzahl: "Enden" nennt sich das letzte Kapitel. Manche davon bleiben offen.

Klaus Nüchtern in FALTER 12/2007



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