Bohrende Fragen. Dramolette IV

Antonio Fian


Kunst der Montage

Sprachmissbrauch hat Folgen: der neue Dramoletteband von Antonio Fian.

Antonio Fian schreibt nicht viel, dafür aber oft. Seine Hauptbeschäftigung besteht im Verfertigen kurzer bis kürzester Stücke, die zuerst im Standard und anderen Periodika erscheinen, um dann alle paar Jahre einen Sammelband bei Droschl zu füllen. Unter dem Titel "Bohrende Fragen" (so hieß auch ein Fian-Abend 2004 im Volkstheater) liegt nun die vierte derartige Kompilation vor; das Buch enthält 78 Dramolette aus den vergangenen fünf Jahren (darunter vier, die erstmals im Falter veröffentlicht wurden).

Von ähnlichen Textsorten wie den Nikowitz-Sketches im profil unterscheiden sie sich fundamental. Zwar entstehen auch die meisten Fian-Kurzdramen aus gegebenem Anlass; aber sein Witz und seine Wut entzünden sich - da steht er ganz in der Tradition von Karl Kraus - fast ausschließlich an der Sprache, die er gegen den alltäglichen Missbrauch verteidigt. Fians Methode ist nicht die Parodie, sondern die Montage: Einige der besten Stücke beziehen ihre Wirkung dadurch, dass Originalzitate vom Autor in einen neuen Rahmen gestellt werden. Die hundert prominenten Österreicher etwa, die in der Zeitschrift Format verraten, was sie wählen werden, versammelt Fian alle gleichzeitig im Restaurant Steirereck - und montiert die Statements so geschickt, dass aus einer banalen Umfrage absurdes Theater wird.

In den besten Fian-Dramoletten regiert der pure Sprachwitz. Unerreicht ist in dieser Hinsicht "Radetzkyplatz", in dem drei Herren auf eine Straßenbahn der Linie N warten und für ihre Konversation mit nur sieben Buchstaben auskommen ("A N?" - "A O." - "A, A O." usw.). In dem bisher unveröffentlichten Text "Unschuldiger Vater" treibt der Autor mit dem Entsetzen Scherz: Aufgrund eines Missverständnisses vergewaltigt ein Vater einen Säugling. Man kann das geschmacklos finden. Aber letztlich handelt auch dieses Stück nur davon, was für schlimme Folgen es haben kann, wenn man mit der Sprache schlampig umgeht.

Wolfgang Kralicek in FALTER 9/2007



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