Shanghai Passage. Emigration ins Ghetto

Franziska Tausig


Eine Reise nach Shanghai

Zum 85. Geburtstag des Schauspielers Otto Tausig wird die Erzählung seiner Mutter Franziska über ihre Flucht vor den Nazis neu aufgelegt.

Was macht ein auf ungarisches Recht spezialisierter Anwalt in Shanghai? Und seine Frau, die zwar eine für ein Mädchen der damaligen Zeit durchaus solide Schulbildung besaß, deren Berufsplanung aber auf Ehefrau und Mutter ausgerichtet war?

Als die Familie Tausig 1938 noch einen letzten Platz für ihren Sohn Otto in einem Kindertransport nach England fand und danach ihre eigene Flucht vor den Nazis organisierte, ergatterten die Eltern, die weder ein Vermögen noch einflussreiche Freunde im Ausland hatten, durch Zufall zwei Plätze auf einem Schiff nach China.

Zwanzig Jahre nach der Erstveröffentlichung von "Shanghai Passage" und pünktlich zum 85. Geburtstag des Burgschauspielers Otto Tausig hat der Milena Verlag die seit längerem vergriffenen Erinnerungen seiner Mutter neu herausgegeben. Präzise, ohne Sentimentalität, dafür teilweise mit viel Humor schildert Tausig die Überfahrt nach Shanghai und wie sie sich und ihren immer schwerer kranken Mann in dem fremden Land über Wasser hielt. Diese Geschichten sind zwar schon oft erzählt worden, aber Tausig gelingt es, dem Leser ein Bild davon zu verschaffen, was es bedeutet, mit leeren Händen an das andere Ende der Welt zu flüchten. Franziska versucht ihr Glück als Strudelbäckerin, arbeitet als Putzfrau und Wäscherin und kann für kurze Zeit gemeinsam mit ihrem Mann ein kleines Café führen. Dort wird das rechtlose Paar natürlich vom chinesischen Partner für etwas Essen und ein Dachzimmer ausgebeutet. Um drei Uhr früh müssen sie ihr Lokal aufsperren, Sperrstunde gibt es keine, und zum Schlafen kommt die Familie nur abwechselnd. Nur an besonders glücklichen Tagen kann das Ehepaar ab 22 Uhr noch am Hafen entlangspazieren.

Dieses Schicksal teilten sie mit Tausenden anderen Juden in Shanghai, wo man bis 1939 ohne Visum und Geldmittel einreisen konnte. Doch selbst dort wurden die Juden bald ins Ghetto verbannt. Ihr Mann hat die Flucht nicht überlebt. Er ist noch heute in China begraben. Der Rest der Familie, mit Ausnahme des Sohns, wurde von den Nazis ermordet. Sie selbst starb 1989 in Wien.

Selbst wenn es Franziska Tausig nicht gelungen wäre, ihre Lebenserinnerungen so plastisch und berührend zu schildern, wäre dieses Buch alleine des Nachworts ihres Sohns wegen lesenswert. Dieser berichtet vom ersten Wiedersehen mit der Mutter und davon, wie wenig selbst die schlimmsten Erlebnisse dem Verhältnis zwischen Eltern und Kindern anhaben können: "Sie trug einen Regenmantel aus durchsichtigem Plastik mit einer Kapuze. Die wollte sie mir nun aufsetzen. Ich, der ich immer ohne Kopfbedeckung ging, weigerte mich. Wir hatten uns acht Jahre nicht gesehen, denn ich war mit 16 Jahren allein mit einem Kindertransport vor Hitler nach England geflüchtet. Inzwischen war ich durchaus erwachsen, verheiratet und mit den widrigsten Lebensbedingungen fertiggeworden. Aber es nutzte nichts, ich musste die Kapuze aufsetzen und mich gewaltig schämend mit diesem Zwergenhuterl durch Wien fahren, während sie barhaupt neben mir stand."

Auf die Tantiemen für das neu aufgelegte Buch hat Otto Tausig übrigens verzichtet. Mit dem Erlös werden Jugendliche, die heute Ähnliches erleben, nämlich die Bewohner des von Tausig gegründeten Laura-Gatner-Heims für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Niederösterreich, unterstützt.

Nina Horaczek in FALTER 8/2007



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