Mörder unter uns. Ungeklärte Verbrechen in Österreich

Alexandra Wehner


Am Tatort

Mord und Totschlag: Alexandra Wehner arbeitet seit über dreißig Jahren als Polizeireporterin. Nun erscheint ihr erstes Buch.

Seit Jahrzehnten übt Alexandra Wehner einen Beruf aus, in dem sie Unsagbares in Worten, Sätzen auszudrücken hat. Gerade erzählt sie vom Bericht eines Kollegen, von einem aktuellen, reißerischen Fall aus den Chronikspalten: In die Wohnung einer 89-Jährigen wird an deren Geburtstag eingebrochen. Die Frau erwacht durch den Lärm, ertappt den Mann auf frischer Tat. Am Morgen danach wird die Frau gefunden, erschlagen mit einer Krücke. Erfährt Alexandra Wehner von Fällen wie diesem, kann es leicht passieren, dass sie die Faust auf die Tischplatte donnern lässt. In den dunkelsten Kammern ihres Kopfs finden sich all jene Methoden und Praktiken, die Menschen erfinden, um anderen Menschen das Leben zu rauben, um Menschen in den Tod zu stürzen. Es sind grausige Bilder, über die sie nicht gern spricht. Manchmal schießt ihr, wie sie sagt, trotz allem ein Blitz durchs Hirn. 89 Jahre. Erschlagen von einer Krücke, am Geburtstag. "Das gibt's doch gar nicht. Dafür gibt's keine Erklärung, keine Entschuldigung", sagt sie in leicht verzagtem Singsang.

Alexandra Wehner, 47, resolute Frau mit Vorstadtwirtinnenstimme, pflegt den Habitus der knallharten Polizeireporterin. Sie lebt seit ihrer Kindheit in einem geräumigen, verwinkelten Haus in Neustift am Walde, einem Dorf in der Stadt. Beim Betreten des Heurigen gleich bei der Kirche hatte sie die Mitarbeiterinnen mit Namen gegrüßt, "Servas!" quer durch den Raum gerufen. Alexandra Wehner hatte Einzug gehalten, Lautsprecherstimme, Stöckelschuhgeräusch, schnurstracks in jenen Raum, in dem sie ihre Marlboros anzünden darf. Es dauert eine Weile, bis sie Sätze sagt wie diese: "Ich liebe das Leben. Eigentlich bin ich ein fröhlicher Mensch." Eigentlich ist sie auch ein sympathischer Mensch.

Heuer im März wird sie eine Art Jubiläum begehen: Seit genau 33 Jahren ist sie dann im Mord-und-Totschlag-Metier tätig, die längste Zeit davon als legendäre Krone-Reporterin. 33 Jahre mit Polizeibeamten, Ermittlern, Kommissaren prägen. "Mörder unter uns", ihr erstes, kürzlich erschienenes Buch, ist zudem Resultat ihrer fortgesetzten Tatortarbeit: In dem mit viel Empathie für die Angehörigen der Opfer verfassten Werk schildert Wehner dreißig ungeklärte Mordfälle der Zweiten Republik. "Mörder. Bestien in Menschengestalt" ist auf dem Buchcover zu lesen. Tief vergraben im Kopf spuken auch bei Alexandra Wehner mitunter widerstrebende Gedanken zu Lebensberaubung und Kapitalverbrechen. Im Zweifelsfall zieht sie, die langjährige Kämpferin des Zeitungsboulevards, jedoch eine klare Linie vor: Gnadenlosigkeit kommt vor Gnade. "An erster Stelle steht immer der Respekt vor dem Opfer und den Angehörigen", sagt sie.

Als nach wie vor aktive Reporterin der Kronen Zeitung, als ehemalige Bild-Journalistin, als Berichterstatterin der mittlerweile eingestellten Billigzeitung Täglich alles hat sie zahlreiche Tote gesehen, ihr halbes Leben hat sie an Tatorten verbracht. Es würde für zwei Leben reichen.

Sie hat Geschichten geschrieben und Geschichten erlebt, die - im Lauf der Jahre - zu Anekdoten, zu schönen Halb-und Dreiviertel-und Ganzwahrheiten mutiert sind. Mit 15 Jahren hat sie in der Krone zu schreiben begonnen; ihr Mentor und großes Vorbild, der Reporter Hans Konitschek, nahm sie unter seine Fittiche. Von ihm lernte sie etwa, Dokumente verkehrt herum zu lesen - unschlagbarer Vorteil, wenn man einem Polizisten gegenübersitzt, der gerade in Akten blättert. Sie hat ihr ganzes Berufsleben lang keinen Journalistenausweis gebraucht. Sie hat Mördern auf Friedhöfen Fallen gestellt und mumifizierte Opfer bergen geholfen. "Bluat-Xandi", den ungeliebten Beinamen, erhielt die Reporterin vor Jahrzehnten verliehen. Es war in der Linzer Straße, in der Wohnung eines Bombenattentäters, der sich selbst in die Luft gesprengt hatte. In einer Ecke lagen Leichenteile. Wehner griff zur Küchenrolle und legte die Knochen samt Fleischfetzen zum Rest.

Ihr Beruf ließ Wehner auch zur Endzeitexpertin werden. "Ich habe mir abgewöhnt", sagt sie, vollends überzeugt, "missglückte Tage beschissen zu nennen. Es gibt große, es gibt kleine Tage." Die Hand schlägt auf die Tischplatte, und Wehner versucht wieder einmal, das Rätselhafte zu enträtseln. "Jeder Tag könnte ja der letzte sein. Zack bumm!"

Wolfgang Paterno in FALTER 8/2007



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