Easter Parade

Richard Yates


Yeah, yeah, Yates!

Mit dem Roman "Easter Parade" wird die Wiederentdeckung des großen amerikanischen Schriftstellers Richard Yates (1926 -1992) fortgesetzt: posthumer Triumph eines todtraurigen Realisten.

Yates und Hype? Also, das sind nun wirklich zwei Worte, von denen ich nie erwartet hätte, dass sie je zusammenfinden würden", gibt sich der Schriftsteller Stewart O'Nan im Falter-Interview (siehe Kasten) überrascht. "So gut zu schreiben und dann vergessen zu werden, ist ein schreckliches Vermächtnis", hatte O'Nan 1999 in seinem Essay "The Lost World of Richard Yates" noch geschrieben. Glücklicherweise sollte sich die Finalität dieser Prognose dann doch als Irrtum erweisen. 2001 kamen in den USA die "Collected Stories" heraus, die meisten Romane wurden in Taschenbuchausgaben neu aufgelegt, und das Yates'sche Schaffen generell einer wohlwollenden Neubewertung unterzogen.

Ein wenig zeitversetzt wurde Yates auch im deutschen Sprachraum neu entdeckt: 2002 erschien in der Deutschen Verlags-Anstalt "Zeiten des Aufruhrs", jenes Romandebüt, das 1961 den Ruhm des damals 32-jährigen Schriftstellers begründete - einen Ruhm, den der Autor nie wieder erreichen sollte. Im vergangenen Jahr dann erschienen neben dem Short-Stories-Band "Elf Arten der Einsamkeit" (der es an die Spitze der ORF-Bestenliste und der Falter-Jahrescharts schaffte) die "Zeiten des Aufruhrs" gleich noch einmal: Der Übersetzung von Hans Wolf wurde nun, in der bibliophilen Ausgabe des Manesse Verlags, ein neues Nachwort der Schriftstellerin Eva Menasse hinzugesellt, in dem auch die vor Niederschlägen wahrlich nicht gefeite Biografie des Autors zur Sprache gebracht wird.

Dieser Tage nun erscheint die deutsche Übersetzung von "Easter Parade", und wenn man wissen will, was es mit diesem Yates so auf sich hat, braucht man eigentlich nur den ersten Satz zu lesen, der - lakonisch wie ein Fallbeil - Yates' vierten, 1976 im amerikanischen Original erschienenen Roman eröffnet: "Keine der Grimes-Schwestern sollte im Leben glücklich werden, und rückblickend schien es stets, dass die Probleme mit der Scheidung ihrer Eltern begonnen hatten."

Die ungleichen Grimes-Schwestern, von denen sich Emily, die jüngere, emanzipiertere und intellektuellere der beiden, bald als die eigentliche Protagonistin des Romans entpuppt, bleiben hinter ihren Erwartungen an das Leben, vielleicht auch hinter ihren Möglichkeiten zurück. Der fesche Tony, den Sarah als Mann abbekommt, wird sie regelmäßig schlagen, und dennoch wird Sarah nicht die Kraft haben, ihrem deprimierenden Provinzdasein zu entfliehen; und Emily wird trotz Stipendiums und wechselnder Liebhaber am Ende eben "Tante Emmy" sein, die ihren Neffen mit deplatzierten Fantasien über dessen Eheleben drangsaliert.

Es wäre aber nicht Richard Yates, würde er das gleich im ersten Satz über die Schwestern Grimes verhängte Schicksal mit kalter Unerbittlichkeit exekutieren. "Nur wenige Männer seit Flaubert haben Frauen, deren Leben die Hölle ist, eine solche Sympathie entgegengebracht", urteilte Yates' um sieben Jahre älterer Kollege Kurt Vonnegut über "Easter Parade". Nur weil es so gekommen ist, heißt es nicht, dass es so hat kommen müssen: So lässt sich das literarische Ethos umreißen, das noch in den finstersten Ecken von Yates' Werk einen Funken der Empathie entfacht. Zwar kommt schon in "Zeiten des Aufruhrs" "eigentlich niemand gut weg", wie Richard Ford in seiner Einführung für die Paperback-Ausgabe von 2000 anmerkte. Aber gerade weil April und Franklin Wheeler in ihrer Dünkelhaftigkeit so leicht zu durchschauen sind, empfindet man Mitleid angesichts des lust-und fruchtlosen Aufwands, mit dem sich das junge Ehepaar um die Einsicht herumzudrücken versucht, "dass der Alltag sich nicht abstellen ließ".

Enttäuschung angesichts zerstörter Illusionen und uneingelöster Erwartungen ist ein gern genutzter literarischer Stoff, und Yates hat ihn immer wieder neu verarbeitet. Dass der Vater der Grimes-Schwestern die Überschriften für die New York Sun schreibt, wie die kleine Sarah stolz anmerkt, bedeutet in Wirklichkeit, dass er Korrektor eines reaktionären Boulevardblatts ist, und die Mutter wird den mondänen Lebensstil, den sie doch so gerne führen möchte, zeitlebens klar verfehlen. Yates führt sie in "Easter Parade" auf die für ihn typische Weise ein: pointiert, mit dem leisen Sarkasmus des auktorialen Erzählers, der mehr über Schicksal und Charakter seiner Figuren weiß als diese selbst, aber nie verächtlich. "Esther Grimes, oder Pookie, war eine kleine rührige Frau, die ihr Leben dem Ziel verschrieben zu haben schien, die schwer fassbare Eigenschaft, die sie ,Flair' nannte, zu erlangen und beizubehalten. Sie brütete über Modezeitschriften, kleidete sich geschmackvoll und versuchte, ihr Haar auf verschiedene Weise zu frisieren, aber ihre Augen blickten immer verwirrt, und sie lernte nie, den Lippenstift innerhalb der Grenzen ihres Mundes aufzutragen, sodass ihr Gesicht einen Ausdruck benommener und verletzlicher Unsicherheit annahm."

Pookie ist nach dem Bild von Yates' eigener Mutter modelliert, und der Autor hat sich nicht gerade übermäßig bemüht, diesen Umstand zu verschlüsseln: Ruth Yates, die nach der Scheidung mit dem kleinen Richard und dessen fünf Jahre älterer Schwester delogierungsbedingt die Kleinstädte der Ostküste abklapperte, aber das Selbstbild einer extravaganten Künstlerin kultivierte (sie machte ein bisschen in Gips), wurde "Dookie" gerufen.

Der autobiografische Bezug ist bei Yates generell schwer zu übersehen. Nicht, dass damit schon ein Urteil über die literarische Qualität seiner Bücher gefällt wäre; aber die Stellen, in denen Sarah und Emily Grimes den getrennt von ihnen lebenden Vater besuchen, beim Begräbnis des früh, nämlich bereits auf Seite 55 Verstorbenen mehr (Sarah) oder weniger leicht (Emily) in Tränen ausbrechen und sich in viele Jahre später erfolgenden Gesprächen - den ausführlichsten des ganzen Romans - an diesen erinnern, sind wahrlich herzzerreißend, auch wenn oder gerade weil man sie wohl auch als narzisstische Vaterfantasien lesen muss: Aus Yates erster Ehe, die er - bloß 22 Jahre alt - mit Sheila Bryant einging, entstammten Sharon und Monica, seine dritte Tochter Gina kommt 1972 auf die Welt; die Ehe mit Martha Speer aber geht schon zwei Jahre danach in die Brüche, Yates wird von Frau und Kind verlassen.

Richard Fords lakonische Anmerkung, in "Zeiten des Aufruhrs" werde "zu viel getrunken und geraucht", kann eins zu eins auf "Easter Parade" umgelegt werden: keine einzige der fünf Hauptpersonen, die kein offenkundiges Alkoholproblem hätte. Walter Grimes etwa genehmigt sich beim Treffen mit seinen beiden Mädchen schon vor dem Lunch zwei Whiskey und wird von einem bösen Raucherhusten geschüttelt.

Gegen Ende seines von alkoholverstärkter Launenhaftigkeit und mit Klinikaufenthalten einhergehenden psychischen Zusammenbrüchen gezeichneten Lebens wird Yates nur mehr mithilfe eines Sauerstoffgerätes atmen können - ohne deswegen das Rauchen aufzugeben. Den Hinweis der Tochter, man dürfe neben Sauerstoffflaschen nicht rauchen, quittiert er mit einem extratrockenen "Media Hype". Am 7. November 1992 stirbt Yates in seinem kleinen Appartement in Birmingham, Alabama. Sein letzter, unvollendeter Roman trägt den Titel "Uncertain Times".

Klaus Nüchtern in FALTER 8/2007



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