moonlight on clichy. Gedichte

Stefan Schmitzer


Noch brennt hier nichts

Als Autor und Veranstalter ist Stefan Schmitzer seit einiger Zeit in der Grazer Literaturszene auffällig, im Verlag Droschl kam nun sein Buchdebüt heraus.

Stefan Schmitzer geht der Ruf eines ebenso aufmüpfigen wie zielstrebigen Jungdichters voran. Beachtenswert an dem 1979 in Graz Geborenen ist die Tatsache, dass es hier jemandem gelingt, sowohl im etablierten Verwertungssystem als auch innerhalb einer sogenannten "freien" Szene anschlussfähig zu sein. Man findet Schmitzers Namen sowohl unter den Teilnehmern einer unter dem Banner eines Hanns-Koren-Gedenkjahres nach Paris entsandten Delegation von manuskripte-Autoren als auch unter der neuen Garde von Kunstimpresarios des Forums Stadtpark oder als Mitautor einer Maildebatte, die im letzten Heft der solitären, am Rande des Betriebs angesiedelten Avantgarde-Zeitschrift perspektive veröffentlicht ist. Die darin abgedruckten Statements Schmitzers geben Aufschluss über das Selbstverständnis eines Autor, der sein eigenes "treiben irgendwo zwischen l'art pour l'art und agitprop" einordnet. Schmitzer weiß um die Betriebslogik der Kontexte, in denen er sich bewegt: "sobald ich mich aber hinsetze, um mit meiner schreibe nicht den freundInnen eine freude/einen arschtritt/süsze träume/ausgangsmaterial zum schmähführen zu bereiten, sondern um kohle ranzuschaffen, heiszt das spiel anders, nämlich (...) konkurrenz oder ich-AGs".

Die herausfordernd-unakademische, tiefstapelnde Sprechweise, in der Schmitzer ästhetische und gesellschaftliche Fragestellungen aufgreift und mit seinen unmittelbaren Erfahrungen in Zusammenhang bringt, ist mittlerweile fast zu so etwas wie einem Markenzeichen des Autors geworden und zugleich Ausdruck eines juvenilen Habitus, der in sämtlichen Subszenen des Literaturbetriebs Akzeptanz findet. Ins Bild passt da auch der Grundgestus von Schmitzers poetischer Sprache, die stark mit alltäglicher Redeweise angereichert ist.

Der Titel seines ersten Lyrikbandes, "moonlight on clichy", nimmt Bezug auf die Gewaltausbrüche, zu denen es im Herbst 2005 in französischen Trabantenstädten gekommen ist, und steht programmatisch für die Positionierung des Subjekts innerhalb des Spannungsfeldes zwischen Emotionalität und kritischem, politischen Bewusstsein. Damit führt der Autor seine Leser in Gedanken-und Empfindungsbereiche, die auch in der Beat-Lyrik der sechziger und siebziger Jahre oder in vielen Rock-Songs eine wichtige Rolle spielen. Bezüge zur einst aufsässigen U-Musik - Schmitzer zitiert Titel von Pink Floyd, The Doors, Fleetwood Mac und anderen Bands - unterstreichen den jugendhaft-angriffslustigen Grundgestus einer Lyrik, als deren dominantes, formgebendes Element ein drängender Rhythmus hervorsticht, der auf überzeugende Weise Empfindungen der Ruhelosigkeit und Gereiztheit zu suggerieren vermag: "und wir haben hier nichts zu melden wir sind nicht unsere generation unsere generation das sind die jungs die in frankreich die autos abfackeln und strassensperren legen".

Die im Gedichtband ausgesprochene Parteinahme für die gesellschaftlich Deklassierten in den Banlieues hat aus dem Blickwinkel einer (derzeit noch) sozial beruhigten Provinzhauptstadt - ausdrücklich wird im Gedichtband ein "Schönaugürtel, dreispurig" genannt - etwas Exotisches. Die Motivkette von "brennen" und "warten", die sich durch den gesamten Band zieht, ist immerhin als Verweis auf allfällige künftige, auch hierorts drohende Eskalationen deutbar. Der Dichter verwehrt sich in seinen Selbstkommentaren freilich gegenüber derartiger Interpretation - "na, ist das nicht eine scheiß-allegorie, zu simpel und doch zu gelehrt im abgang?" Aus der Sicht der Peripherie sind solche hermeneutischen Spielereien tatsächlich unerheblich: "es gibt viel zu viel deutung, in der mitte, also, in der mitte einer welt, die an den rändern gleißt". Das ist gut gesagt, und so, wie Schmitzer in seinem Debüt die Inszenierung emotionaler "Unmittelbarkeit" mit formaler Bewusstheit verknüpft, gleißt das auch. Nicht nur an den Rändern.

in FALTER 7/2007



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