Zwei Leben und ein Tag

Anna Mitgutsch


Mit sehr viel Liebe

Vollmundig erzählt Anna Mitgutsch in ihrem jüngsten Roman "Zwei Leben und ein Tag" vom Scheitern - und scheitert selbst.

Großes ist angesagt in "Zwei Leben und ein Tag", dem achten Roman von Anna Mitgutsch: Ehe, Trennung, Tod und Mord. Gleich bei der ersten Begegnung spricht der junge amerikanische Literaturwissenschaftler Leonard, der gerade eine Dissertation über die Figur des Außenseiters bei Herman Melville abgeschlossen hat, die Pathosformel des Buches: "Wer nie versagt hat, dem fehlt es an Größe."

Edith, Schriftstellerin aus Österreich, erinnert sich an den Vernissagenabend in Albany auf schwelgerische Art: "Es war kein rechtes Gespräch, es war, als stünden wir in einem elektrischen Feld, in dem es darauf ankam, mit den richtigen Sätzen seine Haut zu retten." Inzwischen sind dreißig Jahre vergangen und Edith lässt in Form unabgeschickter Briefe an ihren Ex das Leben Revue passieren. Sie ist immer noch bezaubert. Da sind einmal die idyllischen Momente aus der Zeit des Glücks mit Mann und Sohn Gabriel: "Ich habe diese gemeinsamen Autofahrten nur mit euch beiden immer geliebt, und ich erinnere mich noch genau, dass ich damals dachte, in diesem kleinen Raum ist alles versammelt, was mir wirklich etwas bedeutet."

Bis zur Übersiedlung nach Seoul, wo Leonard eine Bibliothek aufbaut, das Leben mit Exotik und ein bisschen betulichem politischem Engagment für koreanische Dissidenten garniert ist, ging das Ganze noch gut. Auch in Kuala Lumpur. Während der Lektüre von seitenlangen, in hohem Ton vorgetragenen und die Grenze zum Kitsch nicht selten überschreitenden Reflexionen über Liebe und Tod ahnt man aber, dass es keinen Bestand haben wird. Letztendlich können auch beiderseitige Seitensprünge die Einsicht nicht mehr verhindern: "Weder unser Bemühen noch unsere Zuneigung konnte das Begehren ersetzen."

Schauplatzwechsel, immer wieder Neubeginn. Ohnedies war Leonard nach der Übersiedlung nach Ungarn längst von der Haarpracht einer jüngeren, "bodenständigeren" Frau elektrisiert. Edith lebt mit ihrem Sohn Gabriel wieder in Österreich, im Haus der Großmutter, und handelt mit Kunst. Die aus der Perspektive der Erzählerin geschilderten Figuren und Ereignisse bleiben über weite Strecken schattenhaft, irgendwie angekränkelt; am Ende des Buches erfährt man den Grund dafür: Edith leidet an einer tödlichen Krankheit.

Das wusste Gabriel, sensibles Problemkind und romantischer Leidtragender der Patchworkfamilie, von Anfang an. Mit 29 hatte er zwar einen Aufenthalt in der Psychiatrie und zwei abgebrochene Lehren hinter sich, aber noch nie Sex. Auf einer zweiten Erzählebene macht er sich an einem Septembermorgen auf den Weg zum mittlerweile in Zürich lebenden Vater. Er besucht noch einmal das Grab der vor zwei Jahren verstorbenen Mutter, an dem er "in derselben Haltung wie früher auf dem Sofa gegenüber von ihrem Schreibtisch, wenn sie ihn für Prüfungen in der Schule abfragte", auf dem Koffer hockt. Hier steht der schönste Satz des Buches: "Ein Vogel begann in der Ligusterhecke zu zetern." Um zehn Uhr abends nimmt das schreckliche Schicksal seinen Lauf.

Der verwickelten Erzählstrategie nicht genug, wird in die zerfallende Familiengeschichte Leben und Werk des amerikanischen Schriftstellers Hermann Melville hineingespiegelt. Mit imposanter Detailkenntnis schildert Anna Mitgutsch in einem Fest altmeisterlichen, auktorialen Erzählens Melvilles Scheitern in Familie und als Autor - von "Israel Potter" über "Moby Dick" und "Pierre" bis zum späten Versepos "Clarel".

Man hört die Botschaft dieses leidenschaftlichen Plädoyers für die Dichtung wohl: Wer verliert - gewinnt! In Anlehnung an Melvilles Helden Bartleby, den präkafkaesken Beamten einer Sammelstelle für unzustellbare Briefe, der die Welt ob ihrer Taubheit für das Wahre, Schöne und Gute mit einem "O Menschheit!" anklagt, möchte man hier aber ausrufen: "O Mitgutsch!" Die Kunst ist lang, das Leben kurz. Weniger Liebe wäre mehr Kunst gewesen.

Erich Klein in FALTER 7/2007



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