Kali. Eine Vorwintergeschichte

Peter Handke


Augen auf! Ohren auf!

Peter Handkes Vorwintergeschichte "Kali": ein Peter-Handke-Buch wie nur je eines.

Manchmal glaube ich, Peter Handke zu verstehen. Zum Beispiel mag ich Mountainbiker auch nicht. Ich wäre zwar nicht draufgekommen, "das Aufheulen mehrerer Moutainbike-Bremsen in einem stillen Wald" zu den "beleidigendsten Geräuschen der Gegenwart" zu zählen (Alternativvorschlag: die rollsplitgespickten Getränkekistenstapel, die über den Supermarktboden geschleift werden), aber Mountainbiker mit Knüppeln durchzuwalken, halte ich für einen naheliegenden und sehr brauchbaren Vorschlag ("In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus").

In "Kali", Handkes jüngstem und - grausame Rache der Medienwelt an einem Dichter, der störrisch gegen deren Aktualitätsauffassung opponiert - innert einer knappen Woche flächendeckend abrezensiertem Buch, tritt eine Frau in einer dunklen Nacht aus einer nicht so stillen Konzerthalle. Dort hat sie gesungen, unsereins würde sie also eventuell als Sängerin klassifizieren. Der Erzähler ist da nicht so simpel gestrickt: "Soll ich sie Sängerin nennen? Oder Ruferin? Am ehesten hat sie bei ihren Bühnenauftritten auf mich als eine Musikantin gewirkt." Ist uns auch recht.

Die Musikantin fährt also - per Taxi, per Bus und schließlich per Schiff - auf eine Insel, in einen Ort namens Toter Winkel, der vom Kaliabbau lebt. Auf einer Fahrt von Kassel nach Wien habe ich einmal einen bemerkenswerten weißen Berg gesehen, bei dem es sich wohl um die Abraumhalde des Kalibergwerks Neuhof-Ellers bei Fulda handelte. Beeindruckend. Das Kalibergwerk aus "Kali" liegt überall und nirgends, im Handkeland eben, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, die Sängerin und der Salzherr einander mit "He, Fremde", "He, Fremder" begrüßen und einer Pastorin sehr viel Handke-Worte in den Mund gelegt werden.

Die verbose Geistliche ergeht sich zunächst in einer Selbstbezichtigungssuada ("aber der Unsinn dort draußen ist lau und flau. Für meine Generation gibt es nichts Höheres mehr"), beschimpft dann die eigene Gemeinde ("nur noch Gesindel seid ihr auf Gottes Erde, Desperados. Vernichtet gehört ihr. Weg mit euch") und spricht schließlich - kaum ist das verschollene Kind im Gegenlicht durch die Kirchentür getappt (hier rundet sich einer der bleistiftstrichdünnen Handlungsbögen) - die versöhnlichen Worte der Schlussapotheose: "Das Leben ist neu erschienen. Die Träume sind zurückgekommen: Schaut, schaut - hört, hört."

Augen auf! Ohren auf! Helmi ist da", lautete der Jingle einer berühmten österreichischen Verkehrserziehungsfernsehserie: "Es geht um Dinge, die wichtig sind - für dich und mich und jedes Kind." Genau darum geht es auch Peter Handke - der Dichter als anderssichtiger Verkehrserzieher. Manchmal glaube ich auch zu verstehen, was er will: finden, ohne zu suchen; ankommen, ohne heimisch zu werden; ein Fest des freundlichen Fremdseins; eine genügsame Feier des Hier und Jetzt jenseits von Freizeitgestaltung und Eventmanagement.

Dagegen gibt's nicht viel zu sagen; dagegen, wie es uns gesagt wird, aber schon. Dürfte man Handke der Selbstironie für fähig halten, man könnte in der Pastorin eine Art Alter Ego des Autors erblicken; eine, deren Zivilisationsmüdigkeit mal mehr in Außen-, mal mehr in Autoaggression umschlägt und des Advents des (göttlichen?) Kindes bedarf, um zur Einkehr gebracht zu werden: "Ich war bei den Meinen, und ich habe die Meinen nicht erkannt, ich! Und was ist zum Beispiel unverwüstlich? Die Spatzenbadekuhlen im Sand. Weg von hier? Nein, hierbleiben. Dort leben, wo die Welt ergreifend ist."

Ja eh, d'accord! Spatzenbadekuhlen sind Spitzenbadekuhlen! Aber mir würde es schon reichen, wenn man sanft mit dem Finger darauf zeigt und das begleitende Pastorengemurmel auch mal abschalten kann. Danke, Handke.

Klaus Nüchtern in FALTER 7/2007



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