Das Schweigen des Lemming. Lemmings dritter Fall

Stefan Slupetzky


Der Fall des toten Mediums Fräulein Löwenstein, den "Die Liebermann Papiere" aufrollen, spielt im kaiserlichen Wien um 1902/03. Er beginnt mit einem klassischen Sujet des Gentleman-Detektivromans, der von innen verschlossenen Tür. Dem vor einem Rätsel stehenden Inspektor Rheinhardt kommt sein Freund, Nervenarzt Dr. Liebermann, zu Hilfe. Die Leichen weiterer Personen tauchen auf, fast alle hatten zu Lebzeiten an der letzten Séance der jungen Dame teilgenommen. Schließlich wird der Täter in einem Showdown am Riesenrad gestellt und unschädlich gemacht. Obwohl die Auflösung zwar nicht rasend originell, so doch (gerade deswegen) als logisch erscheint, wirken die Anstrengungen von Frank Tallis, ein überzeugendes Bild vom Wien des beginnenden 20. Jahrhunderts (nicht 19., wie der Klappentext behauptet) heraufzubeschwören, krampfhaft: Man besichtigt Klimts neuen Beethovenfries, in der Oper bewundert man Gustav Mahler, und Liebermann wendet die Methoden seines berühmteren Kollegen Freud an. Der Engländer Tallis ist Psychologe und plant eine Fortsetzung des wegen der lieblosen deutschen Lektorierung und Übersetzung allenfalls leidlich lesenswerten Romans.

Dass es auch moderner geht, beweist der Wiener Stefan Slupetzky. Mittlerweile beim dritten Band angelangt, verfolgt er in "Das Schweigen des Lemming" den anhaltenden Abstieg des mit dem Spitznamen Lemming versehenen Leopold Wallisch. Mittlerweile arbeitet der als Nachtwächter im Tiergarten Schönbrunn. Der Kriminalfall, in den er diesmal hineingezogen wird, beginnt mit einem erdrosselten Pinguin. Eine Spur führt zu vier Tiernamensträgern (Adler, Bär, Floh, Löwin), allesamt ewige Studenten an der Kunstakademie. Neben einem Faible für Viecher hält Slupetzky aber auch eine nicht unintelligente Variante für den Diebstahl der Saliera bereit. Die Auflösung dieses realen Falles begab sich, als das Manuskript schon beim Verlag lag, wofür sich der Autor im Nachwort fast schon entschuldigt. Aber anstatt Vergebung (wofür eigentlich?) gebührt dem Autor vielmehr Dank dafür, dass sich auch Pinguine rächen dürfen.

Martin Lhotzky in FALTER 6/2007



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