Über Nacht

Sabine Gruber


Unter Staren

Sabine Gruber verknüpft in ihrem Roman "Über Nacht" souverän die Schicksalsfäden zweier Frauen.

Wer je einen Schwarm mit Staren beobachtet hat, weiß, dass das auch ein optisch beeindruckendes Ereignis ist; Hunderte, ja, Tausende Einzelwesen scheinen so etwas wie einen Metaorganismus zu bilden, der seinen eigenen Gesetzmäßigkeiten folgt: "In manchen Augenblicken sahen die dunklen Formen wie ovale Flugobjekte aus, dann änderten sie sich wieder, teilten sich oder rissen auseinander."

In Sabine Grubers jüngstem Roman "Über Nacht" sind die Stare schon am Cover zu sehen, sie schwirren zu Beginn des ersten Kapitels über den Himmel und tauchen - nach einigen Zwischenauftritten - auch im vorletzten Kapitel wieder auf. "Keiner der Stare", so erfahren wir einmal aus dem Mund von Herrn Mancini, "will am Rand bleiben. Wegen der Habichte, die ihnen nachstellen." Mancini lebt in einem Pflegeheim in Rom, und dass ihm ständig die Zimmernachbarn wegsterben, macht ihn begreiflicherweise nervös. Und deswegen müsse man, so Mancini, das Bett auch in die Mitte stellen, damit der Tod nicht rankomme.

So wenig die Stare auch auf ihre sinnbildhafte Funktion reduziert werden können, so klingt hier doch ein Leitmotiv des Romans an: Mit fortschreitendem Alter gerät man zusehends in die Randbereiche, der Sinn für die Exponiertheit der eigenen Existenz nimmt zu; es sei denn, man ist schon in jüngeren Jahren von einer lebensbedrohlichen Krankheit gezeichnet - dann nimmt man auch die sogenannte "Mitte des Lebens" keineswegs als solche wahr. Irma führt ein Leben buchstäblich auf Ab-bzw. Anruf. Der dann eines Nachts tatsächlich kommt: "Frau Irma Svetly? Allgemeines Krankenhaus. Wir haben eine Niere für Sie."

Bereits in Sabine Grubers letztem Roman, "Die Zumutung" (2003), litt die Protagonistin unter chronischer Glomerulonephritis. Diese Marianne taucht nun in "Über Nacht" wieder auf - allerdings als Freundin besagter Irma, die im Unterschied zu dieser auf das Transplantat noch warten muss: "Sie fühlte sich vom Schicksal bevorzugt und schämte sich dafür. (...) Irma schien es, als würde ihr Glück Mariannes Unglück verstärken."

Schon auf der rein phonetischen Ebene der Namensgebung sieht man, dass Sabine Gruber, 1963 in Meran geboren, eine sehr kontrollierte Autorin ist: Aus der ersten Namenshälfte von Mari-anne sind im jüngsten Werk gleich zwei Figuren erschaffen worden: die in Rom als Altenpflegerin beschäftigte Mira und die in Wien an einem wissenschaftlichen Projekt über aussterbende Berufe arbeitende Irma; zwei anagrammatische Schwestern sozusagen, deren Schicksale einander spiegeln, berühren, ja, miteinander aufs Engste verknüpft sind, wie man am Ende erfährt, an dem dann auch noch die den Schicksalsfaden spinnenden, verknüpfenden und zerschneidenden Parzen bemüht werden.

Das mag aufs Erste ein bisschen überstrukturiert wirken, stört aber - und das spricht sehr für den Roman - überhaupt nicht. Dass der Rezensent über die an sich völlig logische und nachgerade zwingende Pointe überrascht war, spricht möglicherweise für eine gewissen Antizipationsschwäche auf seiner Seite, vielleicht aber auch dafür, dass die Autorin, die die 24 Kapitel streng symmetrisch aus der Perspektive von Irma bzw. Mira und dann auch jeweils noch abwechselnd in der ersten und dritten Person erzählt, genug Fleisch auf die glasklar zutage tretende Konstruktion ihres Romans gepackt hat, obgleich auch hier an Spiegelungen und Motivdoppelungen wahrlich kein Mangel herrscht.

Die in einer zusehends schal gewordenen Ehe festgefahrene Mira wäre bezüglich der erotischen Unambitioniertheit ihres Gatten weniger ahnungslos, hätte sie Einblick in das Liebesleben von Irmas Bruder; und diese wiederum müsste sich nicht den Kopf über den Verbleib des verschollenen Vaters ihres Sohnes zerbrechen, hätte sie je Gelegenheit zu einem persönlichen Gespräch mit Mira, der sie en passant in Rom begegnet. Die Fäden dieser, im Übrigen weniger kompliziert, denn elegant gewobenen Geschichte werden von den Fingern der Erzählerin souverän geführt. Man folgt ihnen nur allzu gerne.

Klaus Nüchtern in FALTER 6/2007



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