Pauls Fall

Arne Roß


Mit "Pauls Fall" hat Arne Roß ein gar langsames Buch geschrieben - und darin gleicht es seiner Hauptfigur. Die zeigt erste Anzeichen von Vergesslichkeit, seniler Sturheit und anderen altersbedingten Idiosynkrasien. Schwer kommt er hoch von Stuhl und Couch, hin und wieder verlässt ihn die Kraft überhaupt, schon der eigene Mantel wird zum Problem: "Im Ausziehen blieb er stecken, er hatte versucht, ohne die Hilfe der linken Hand, mit der er den Beutel trug, den Arm aus dem rechten zu ziehen, er hatte sich darin verfangen." Dass dieser Tag aus dem vergehenden Leben Pauls nicht zum Rührstück über einen einsamen Senior verkommt, liegt daran, dass Roß eine dichte Beschreibung im besten Sinne gelungen ist: In jedem einzelnen Moment wird gewissen-und ernsthaft notiert, was Paul sagt, wahrnimmt und tut - jede Drehung des Kopfes, jede Ameise und jedes Blatt, das Paul erblickt, vielmehr: bedächtig heranzoomt. Was sieht der nicht alles, was dem Leser in der eigenen Wirklichkeit entgeht: Wimpern und Wolkenfetzen, einzelne Sonnenstrahlen und Speichelfäden. Diese obsessive Genauigkeit treibt die Geschichte unaufhörlich vorwärts. Und auf die Ruhe folgt ein kurzer, letzter Sturm.

Die Novelle "Ein alter Herr" ist im Duktus ein gar altmodisches Buch und gleicht darin seiner Hauptfigur. Der emeritierte Literaturprofessor, den Autor Gerhard Köpf nur "der alte Herr" nennt, hält recht wenig von den modernen Zeiten, in denen es keine guten Manieren mehr gibt und sich die ganze Welt nur mehr seltsam benimmt. Also verfällt der alte Herr ins "Depressionat". Sein "Leibarzt", ein alter Freund und zudem Neurologe, soll helfen. Der verschreibt ihm eine Brieftherapie, und so erzählt der alte Herr von seinen Träumen, Wünschen und Anekdoten aus seinem Leben. Während er so in einer idealisierten Vergangenheit schwelgt, verflüchtigt sich die Gegenwart zusehends; Verabredungen mit alten Bekannten scheitern, die Verschrobenheit steigert sich Seite für Seite, schließlich steht der alte Herr am Supermarkt und hat den Heimweg vergessen. So nimmt ein zärtlich authentischer Roman sein leises Ende. Das wahre Leiden des alten Herrn hingegen hat, wie der Arzt weiß, eben erst angefangen.

Karin Schuster in FALTER 5/2007



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×