peter weibel. das offene werk. 1964-1979

Peter Weibel


Knallhart!

Peter Weibel hat Peter Weibel ein sehr dickes Buch gewidmet. Ein Gespräch mit dem Künstler, Kurator, Medienprofessor und Enzyklopädisten über die Sonne der Demokratie, "Idi Gusenbauer", die Geschichte mit Valie Export und das Kompetenzproblem im Kunsthaus.

Nicht alle haben das "Offene Werk", den voluminösen Band, mit dem Peter Weibel zwei Jahre nach der gleichnamigen Ausstellung in der Neuen Galerie die Geschichte seiner frühen Arbeiten dokumentiert, gleich verstanden. Das Bundeskanzleramt zum Beispiel hat die fünf Belegexemplare des demnächst erscheinenden Buches postwendend an den Verlag zurückgeschickt. Das Buch beginne ja erst mit Seite 127, und bei der groben Fadenbindung handle es sich offensichtlich um einen Produktionsmangel. Das freut den Künstler und Medientheoretiker, wenn ein Konzept derart aufgeht. Denn das 900 Seiten starke Buch sei eigentlich gar kein Buch, sagt Weibel.

Ein Gespräch mit dem Künstler Peter Weibel, der vor vierzig Jahren behauptete, dass die Polizei "lügt", der sich am Hundehalsband von Valie Export durch die Wiener Kärntnerstraße führen ließ und der den "Wiener Aktionismus" erfand. Und ein Gespräch mit der Institution Peter Weibel, der das Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe (ZKM) leitet, als Chefkurator der Grazer Neuen Galerie wirkt, ab nächstem Semester an der Wiener Uni für Angewandte Kunst eine volle Lehrverpflichtung im Bereich Medientheorie übernimmt und ganz nebenbei bei Springer die ersten drei Bände seiner auf sechs Teile angelegten "Enzyklopädie der Medien" herausgibt.

Falter: Das "Offene Werk" ist ein in vielerlei Hinsicht gewichtiges Buch geworden. Unter anderem wiegt es sechs Kilo. Hat sich schon einmal jemand mit einem Weibel-Buch verletzt?

Peter Weibel: Ja, Verletzungen hat es gegeben. Die Amerikaner, die mein Buch zur Wiener Gruppe auf der Biennale gesehen haben, haben es "Weibel - the Bible" genannt.

Eines Ihrer ersten Kompendien, über die Aktionisten, hat 1971 in der Öffentlichkeit durchaus für Verletzungen gesorgt. Waren das bessere Zeiten?

Die Zeit hat sich damals viel besser angefühlt, weil die Fronten relativ klar waren. Auf der einen Seite das Establishment, auf der anderen Seite die Jugend, die Musik, Mode und Kunst gemacht hat. Diese Leute haben gesagt: "Wir haben eine Alternative zur gegenwärtigen Welt." Heute ist daraus eine Massenindustrie geworden, die auf der Suche nach Gesten der Revolte und der Jugendlichkeit ist und sich dabei auf die Sechzigerjahre bezieht. Das ist eine reine Simulation. Die Signale der Revolte dienen heute im Grunde der Bestätigung des Establishments.

Wie kann man damit als Künstler produktiv umgehen?

Indem man Dinge macht, die Medien nicht interessieren, etwas, das die ideologischen Vorstellungen unter-oder überschreitet. Wer nicht sichtbar wird, ist auch nicht unter Kontrolle. Da sammeln sich neue historische Kräfte, die das herrschende System destabilisieren werden.

Wer will denn heute noch Revolutionen?

Die Arbeiter werden es nicht mehr sein. Es gibt drei Gruppen, die immer der Arsch der Geschichte waren: am Anfang die Sklaven, dann der Arbeiter, heute ist es der Konsument, der immer mehr Rechte verliert. YouTube oder myspace, das sind erste Versuche eines Aufstands der Konsumenten.

Warum produzieren Sie dann selbst keine Weblogs, sondern sehr dicke Bücher?

Das "Offene Werk" hat keinen Umschlag, mein Name steht vorne nicht drauf. Durch das Formale versuche ich, diese Mechanismen außer Kraft zu setzen. Es ist ein fragiles Werk, das mit Seite 127 anfängt. Es ist eigentlich kein Buch.

Woran liegt denn der Reiz des Enzyklopädischen?

Diderots Encyclopédie war die Morgenröte der französischen Revolution. Heute ist das enzyklopädische Wissen die Sonne der Demokratie. Wenn ich möchte, dass der Konsument sich emanzipiert, kann ich das nur durch Wissen erreichen. Diderot hat damals geschrieben, die Trennung der Künste in artes litterares und artes mechanicae wiederhole die Klassentrennung. Und damit gesagt, dass es keine freie Gesellschaft gibt, wenn nicht auch die mechanischen Künste, heute die Medienkünste, befreit sind. Das Enzyklopädische war ein Votum für das Wissen - ich nenne das Kompetenz. Ich möchte den Menschen möglichst viel Wissen zur Verfügung zu stellen.

Im aktuellen politischen Diskurs scheint es mehr um Inszenierung als um Wissen zu gehen. Was interessiert Sie trotzdem daran?

Mich reizt diese Subversion, neues Wissen gegen vorhandenes zu setzen. Meine Bücher werden deshalb so dick, weil man die Geschichte immer wieder umschreiben muss. Es gibt immer eine offizielle Geschichte, eine Geschichte der Macht, deren Wesen nur darin besteht, zu verdrängen, zu verdrängen, zu unterdrücken, zu unterdrücken.

Auch im "Offenen Werk" versuchen Sie, Geschichte neu zu schreiben, gerade was Ihre Arbeiten mit Valie Export angeht.

Genau. Jetzt kann man anhand von Dokumenten nachweisen, dass wir zum Beispiel das Tapp-und Tastkino gemeinsam erarbeitet haben. Der Feminismus hat damals eine Arbeit nur von Valie Export daraus gemacht. Da sieht man am eigenen Beispiel, wie Geschichte manipuliert wird.

Boris Groys schreibt in einem Beitrag im Buch, Künstler müssten heute selbst zur Institution werden, im Idealfall auch ihre eigenen Kritiken schreiben. Stimmen Sie zu?

Das ist die Webideologie, Web 2.0. Wenn früher jemand ein Foto gemacht hat, musste er zu einer Galeristin gehen, zu einer Zeitung, zu einem Museum. Und die haben alle Nein gesagt. Heute kann er das Foto uploaden, es jedem zeigen. Eine ungeheure Revolution! Die Kultur ist ein Prozess der Selektion à la Darwin. Im Grunde ist das wie die Arche Noah: Wie viele Leute haben Platz am Schiff für Kultur? Der Selektionsprozess ist wahnsinnig brutal, und er ist nicht kulturell. Mit Künstlern wird wie mit Tieren umgegangen - rein in die Arche, raus aus der Arche. Im Netz hat jeder Platz auf dem Boot der Kultur.

Sehen Sie den Bau von Institutionen, den Sie selbst sehr aktiv betreiben, als Teil Ihres künstlerischen Schaffens?

Ja. Ich glaube sogar, dass ich ein Prototyp bin, dass es in den nächsten hundert Jahren viele Künstler genauso machen werden. Auch Duchamp hat das schon so gemacht. Das Schweigen von Duchamp hat nie existiert. Der moderne Künstler fügt sich in den zivilisatorischen Prozess ein, auch wenn er gelegentlich im Dissens ist. Dann muss er die Position wechseln, ein Pamphlet verfassen. Aber diese Rolle des Genies, das vom Markt hofiert wird, wird nicht mehr möglich sein. Künstler wie Immendorff oder Lüpertz mit seinen aufgeblasenen Ringen werden dann ausschauen wie Kasperln. Tun sie auch jetzt schon.

Wenn Künstler Institutionen werden, wo setzt denn dann Institutionenkritik an?

An der Kompetenzfrage, an der Frage, ob eine Institution ihre Aufgaben wahrnimmt. Max Weber hat gesagt, wer nicht kompetent ist, muss Entscheidungen aufgrund seiner Autorität treffen, und die sind dann meist irrational. Das Gegenmodell besteht darin, dass jemand seine Entscheidungen mit Kompetenz legitimieren kann, die dadurch rationale Entscheidungen werden. Zuvor muss man sich über die Aufgaben einigen. Das ist für mich heute die einzige Möglichkeit, demokratisch zu handeln. Die Krise der Demokratie, der wir entgegensteuern, ist die Krise der Kompetenz.

Wie zeigt sich diese Krise in Österreich?

Mich ärgert etwa an den Studiengebühren nicht nur die inhaltliche Tatsache, die eine Katastrophe ist, sondern vor allem das demokratiepolitische Signal. Die Sozialdemokratie sagt damit selbst, dass die Regeln der Demokratie nicht gelten. Plötzlich erkennt man, dass man gar nicht bekommt, was man gewählt hat. Die ÖVP wurde abgewählt, aber sie regiert weiter. Die SPÖ wurde wegen ihres Programms gewählt, aber sie setzt es nicht um. Da wird ein demokratischer Grundkonsens zerstört. Und das geht in dieser Republik schon lange so. Wenn die Kompetenzfrage aufgegeben wird, stimmt etwas mit dem System nicht.

Liegt in der Kompetenzfrage auch der Grund dafür, dass Sie mit Peter Pakesch nicht so gut können?

Ein Beispiel: Wenn ich einen Abteilungsleiter für Volkskunde mit einem Haus in der Stadt und dem Jagdmusem habe, dieser Abteilungsleiter aber nicht die Ausstellung macht, sondern für enorm viel Geld an Dritte vergibt, muss man sich fragen, ob es den Leuten an Kompetenz mangelt. Und das Ergebnis ist eklatant: dass das Joanneum ganze Abteilungen zusperren muss, dass das Haupthaus in der Neutorgasse schon fast ein Jahr leer steht.

Hat das Kunsthaus ein Kompetenzproblem?

Schon. Man müsste fragen, was das Mission-Statement eines solchen Hauses ist. Das Programm, das dort gefahren wird, ist gut, aber es ist das eines Kunstvereins oder einer Kunsthalle. Aber für das Investment, das man dort getätigt hat, müsste man auch größere Ausstellungen in einem historischen Rahmen machen.

Haben die Touristiker recht, die immer eine Impressionistenschau fordern?

Ich würde sehr gerne eine Impressionismusschau machen, nur eben gegen den Strich gedreht. Den Impressionismus kann man ja auch - das wäre dann ein echter Skandal - als die erste große bürgerliche Fluchtbewegung darstellen. Die haben damals schon Landschaften gemalt, die es gar nicht gibt. Am Schluss war das so eklatant, dass der Herr Monet sich seinen eigenen Garten bauen musste. Mit solchen Ausstellungen könnte man auch einen Beitrag zur Kunstgeschichte leisten.

In der Neuen Galerie können Sie das nicht machen?

Nein, weil wir das Budget nicht haben. Das Kunsthaus hat aber ein exorbitantes Budget. Denken Sie an die Sonderausstellung "Carmen". In den ersten Interviews hieß es sogar noch, das Kunsthaus hätte 4,2 Millionen Programmbudget. Aber was wirklich zur Verfügung steht, ist nicht transparent. Das ist undemokratisch. Wir haben ungefähr ein Zehntel vom Ausstellungsbudget des Kunsthauses.

Ihr Vertrag in der Neuen Galerie läuft heuer aus. Wollen Sie weitermachen?

Ich würde weitermachen. Ich habe auch positive Signale von der Politik.

Hat die Departmentlösung im Joanneum, die es seit letztem Jahr gibt, eine Verbesserung gebracht?

Eine große. Ich sehe auch in Wirklichkeit kein Finanzproblem. Man kann das durch Programmgestaltung, durch geschicktes Management abfedern. Nur da kommt ein Punkt dazu: Ich habe im ZKM bis zu drei Millionen Drittmittel im Jahr. Das Joanneum hat sich meines Wissens noch an keinem EU-Programm beteiligt, an keinen wissenschaftlichen Forschungsaufträgen.

Zumindest wird es mit dem Museumsquadranten wieder einen neuen Raum geben. Ist jetzt der richtige Zeitpunkt dafür?

Ich glaube nicht. Wir haben wieder das gleiche, was wir schon oft hatten, dass die Leute nicht wissen, was dann mit dem Haus geschieht. Ich habe ja auch vor Eröffnung des Kunsthauses nie ein Konzept gesehen. Ich habe damals nur von Landesrat Gerhard Hirschmann gelesen, "ein Quantensprung steht bevor". Jetzt, nach vier Jahren, sehe ich den Quantensprung nicht, ich sehe aber, dass es riesige Finanzprobleme gibt.

Was geht der Stadt Graz kulturell sonst ab?

Ich denke, dass eine Kunstakademie neuen Stils in Graz großes Potenzial hätte. Eine solche Akademie könnte von dieser unglaublichen Substanz profitieren, die es in Graz gibt, der Qualität der Universitäten, des Joanneum Research. Dort muss Kunst, zwischen Naturwissenschaft und Sozialgeschichte situiert, unterrichtet werden. Knallhart! Mit neuen Methoden, indem man Online-Learning ernst nimmt und nicht wieder ein Haus baut und zwanzig Professoren bestellt. Man braucht dafür nur eine gute Management-Etage, die weltweit gute Kurse anbietet. Die Leute schimpfen so über den Bologna-Prozess, andere Länder wie Finnland haben diese Modularisierung von Wissen schon vor zehn Jahren eingeführt. Bis 2010 muss das Ganze in Europa umgesetzt werden. Die Einzigen, die noch nicht einmal angefangen haben, sind die österreichischen Kunsthochschulen. Hanebüchen! Dabei kann man sehr viele Modelle entwickeln. Ich bin es leid zuzusehen, dass Europa immer das Wort Bildung in den Mund nimmt und in Wirklichkeit für die Bildung nichts tut. Auch die jetzige Regierung hat für Bildung nichts übrig.

Woran zeigt sich das?

Ich mache Claudia Schmied keinen Vorwurf. Sondern dem Kanzler, dass ihm Bildung so wurscht ist, dass er keinen Experten hinsetzt, sondern im letzten Moment - zu Mitternacht - sagt: Mach du das, das machst mit links sozusagen.Wieder ein Kompetenzproblem.

Wo orten Sie weitere Chancen für den Standort Graz?

Es gibt die Fachhochschule Joanneum, an der auch viele Künstler tätig sind, außerdem die berühmte Grazer Schule der Architektur. 1973 gab es in Graz mit "Audiovisuelle Botschaften" die erste Videoausstellung überhaupt. Graz hat also eine Neigung zu einer Art technischen Rationalität. Man sieht auch am Beispiel von Karlsruhe - die Uni wurde neben der Münchener als einzige in Deutschland als Exzellenzuniversität anerkannt -, dass die Zukunft der Dialektik zwischen Zentrum und Peripherie darin liegt, dass die Peripherie gestärkt wird. Im Wettbewerb mit Salzburg oder Linz braucht Graz neue Impulse. Die Steiermark muss schon größere Anstrengungen unternehmen, um im Wettbewerb dieser Peripherien zu bestehen, gegen die Peripherie selber und erst recht gegen das Zentrum Wien. In der Kunst ist der "Gap", die Kluft, viel größer als früher. Es ist erschreckend! Es kommt ja auch niemand mehr aus Wien oder Linz zum Steirischen Herbst nach Graz. Graz hat wahnsinnig viel verloren. Nicht weil die Stadt sich verschlechtert hätte, sondern weil die anderen sich verbessert haben.

Welchen Beitrag könnte denn eine sozialdemokratische Kulturpolitik insgesamt leisten?

Zu fordern wären ein Investment in Bildungsfragen und programmatische Erklärungen, was Bildung sein könnte. Da habe ich von den Sozialdemokraten überhaupt nichts gehört. Im Gegenteil, die Abtrennung von Wissenschaft und Forschung sowie das Zusammenlegen von Kultur und Bildung halte ich für katastrophal. Weil auch das ganze Budget in die Forschung geht. Das ist ein furchtbarer Rückschlag für Österreich. Und es geht nicht, dass man die Abschaffung der Studiengebühren einfach so vom Tisch wischt. Noch dazu mit Ideen, für die man den Bundeskanzler eigentlich "Idi Gusenbauer" nennen müsste. Diese zwei Stunden Nachhilfe - das sind despotische Ideen.

Das Argument, dass ein Kompromiss nötig war, zählt nicht?

Das ist die größte Lüge. Und es ist eine schlechte Lüge, denn sie kommt von rechts. "There is no alternative", war Margaret Thatchers Standardrede. Und wenn es stimmt, dass Gusenbauer gesagt hat, dass diese Studenten, die seine eigenen Wähler sind, eine gewaltbereite, extreme Minderheit seien, ist das entsetzlich traurig. Jeder weiß, dass das diese konservative Terminologie aus den Sechzigerjahren ist. Diese Regierung hat ein Kompetenzproblem, von oben bis unten.

Keine Sonne?

Keine Sonne! Wer die Wahrheit einfordert, zählt offensichtlich zur Minderheit.

Welches Ihrer Bücher würden Sie der Regierung empfehlen?

Demnächst erscheint im Merve-Verlag der Band "Kunst und Demokratie im technischen Zeitalter", eine dicke Schwarte. Das sollten die lesen. Da sind wir nämlich, im technischen Zeitalter.

Herwig G. Höller in FALTER 5/2007



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