Die Optimisten

Andrew Miller


Der im Zimmer bleibt

Der englische Autor Andrew Miller hat einen Allerweltsnamen. Zum Glück ist sein Stil ziemlich unverwechselbar. Ein Porträt.

Herr Autor, wir haben ein Problem. Im vergangenen Frühjahr erfuhr Andrew Miller von seinem Agenten, dass ein schamloser Doppelgänger in Englands Buchbranche sein Unwesen treibt. "Bekannte haben sich schon gewundert, dass ich ihnen nichts von meinem neuen Roman erzählt habe." Nur: "Ich hatte keinen neuen Roman." Das Druckwerk "The Earl of Petticoat Lane" stammte von einem anderen, zuvor nicht als Belletrist hervorgetretenen Andrew Miller.

"Das habe ich davon, einen Allerweltsamen zu tragen. Ich bin der Franz Gruber der englischen Literatur", sagt Andrew Miller 1 schmunzelnd, dessen eigener neuer Roman "Die Optimisten" dieser Tage bei Zsolnay erscheint. Rechtlich ließe sich gegen Andrew Miller 2 nichts machen, es rieche jedoch nach Trittbrettfahrerei: "Er hätte sich ja auch Andrew H. Miller oder so ähnlich nennen können. Die Sache hat mir nicht lange Kopfzerbrechen bereitet, doch sie zeugt nicht von gutem Stil."

Auf Stil hält Miller einiges. Seine Bücher sind voll davon, und sie strahlen das aus, was ausgerechnet in den USA als Modewort "quiet quality" zurzeit die Runde macht: stille Qualität. "Vielleicht bin ich etwas altmodisch, vielleicht auch nur ein Traditionalist", sagt der nach Wanderjahren (Japan, Spanien, Frankreich) wieder in seiner Heimatstadt Bristol lebende Autor. "Es geht mir nicht darum, Experimente anzustellen oder dem Roman neue Gebiete zu erobern. Der Roman ist eine hochentwickelte Kunstform. Er ist gut so, wie er ist."

Obwohl Miller noch nicht in die Erfolgsregionen von Landsmännern wie Ian McEwan oder Julian Barnes vordringen konnte, hat er für seine bislang drei Romane ("Die Gabe des Schmerzes", "Zehn oder fünfzehn der glücklichsten Momente des Lebens" und eben "Die Optimisten") sowie die Casanova-Paraphrase "Eine kleine Geschichte, die meist von der Liebe handelt" nicht nur viel Kritikerlob geerntet. Allein von "Die Gabe des Schmerzes" wurden im deutschsprachigen Raum in aller Stille 30.000 Exemplare verkauft.

Der 46-Jährige ist ein früh Berufener, der spät zu publizieren begann. "Mit 18 wusste ich, dass ich Schriftsteller sein wollte, knapp 18 Jahre später erschien mein erstes Buch." Die Zeit dazwischen musste er einerseits darauf verwenden, Geld zu verdienen ("meist als Lehrer, der schlimmste Job war in einem Hühnerschlachthof"), die restlichen Jahre dienten literarischen Vorarbeiten. Im Nachhinein betrachtet hat sich das lange Ausharren bezahlt gemacht, außerdem sei 35 "ein gutes Alter für ein Debüt". Von seinen frühen Jahren hat Miller eine Befähigung zur Arbeit in Abgeschiedenheit mitgenommen. Einsamkeit muss man aushalten: "Der Schauspieler Bill Nighy erzählte mir einmal, er wollte in seiner Jugend auch schreiben und hat sich dazu irgendwo in Spanien ein Zimmer gemietet. Nach zwei Tagen verließ er es schreiend. Er hat die Stille nicht ertragen. Nighy sagt, Schriftsteller sind die, die im Zimmer bleiben."

Am Anfang von "Die Optimisten" stand eine etwas masochistisch anmutende Idee: "Ich wollte einen Roman schreiben, der mich dazu zwingt, dem menschlichen Bösen länger ins Auge zu sehen." Inspiriert von seinem Bruder, einem Fotojournalisten, entwickelte Miller die Geschichte eines Fotoreporters, der in Ruanda Zeuge eines Massakers wird - und die Bilder nicht mehr aus dem Kopf bekommt. Im Gegensatz zu den Kollegen des Bruders, die er bei seinen Recherchen getroffen hat, ist Clem Glass ein ziemlich sensibler Kerl, der ins Bodenlose stürzt.

Reizvoll macht "Die Optimisten", dass es die geschehenen Gräueltaten nicht beschreibt - oder fast nicht. Ein paar fragmentarische Notizen von Clems Begleiter, dem Journalisten Silverman, hat Miller nach langen Überredungsversuchen durch seine Lektorin nachträglich noch eingefügt. Der in seiner Sparsamkeit grandiose erste Satz des Romans hätte freilich auch genügt: "Nach dem Massaker bei der Kirche von N. flog Clem Glass heim nach London."

Der Leser, der von den Verbrechen in Ruanda, im ehemaligen Jugoslawien oder in Tschetschenien gehört hat, bekommt auch ohne schockierende Detailschilderungen einen Eindruck davon, was Clem so zerrüttet hat. "Es ist ein bisschen wie im griechischen Drama, die wirkliche Gewalt passiert nicht auf der Bühne. Ich finde, in einem Roman muss nicht alles ausgesprochen werden." Umso mehr Platz lässt das für das Prinzip Hoffnung, an das Miller trotz allem eisern glaubt ("es erstaunt mich immer wieder, wie freundlich viele Menschen zu Fremden sind"). Die titelgebenden "Optimisten" in seinem Roman sind Clems Vater, der nach dem Tod seiner Frau in einen eher schweigsamen Orden eingetreten ist, oder die freundlich bodenständige Verwandtschaft von der Mutterseite.

Und so erreicht der Roman seinen Höhepunkt nicht etwa in der Szene, in der Clem dem Verantwortlichen für das Massaker endlich gegenübersitzt. Seinen Lebensmut gewinnt der Protagonist vielmehr durch praktische Hilfsdienste für seine depressive Schwester. "Es bringt ihm mehr, etwas für sie zu tun, als dem Monster hinterherzujagen." Und er wird dadurch ein bisschen von sich selbst abgelenkt. "Stimmt, ich habe beim Schreiben eigentlich auch kein starkes Gefühl für meine Identität", sagt Miller. "Vielleicht ist es gut, nicht unbedingt etwas sein zu wollen."

Sebastian Fasthuber in FALTER 5/2007



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