Stimmenfang. 50 frische Texte aus Österreich

Astrid Graf-Wintersberger, Günther Eisengruber


Den einen sind sie ein Graus, den anderen bedeuten sie das entscheidende bisschen lebendige Flora im Haus: die Zimmerpflanzen. Wo Wald und Wiesen so rücksichtslos romantisch kultiviert werden, kann die Literatur nicht weit sein, "Natur aus zweiter Hand bestellbar bei jedem Blumenversand", dichtete einst schon Josef Hader, um dem die Aufforderung "Topfpflanzen, bitte geht's spaziern!" folgen zu lassen. Nun hat Hanne Kulessa die floralen Mitbewohner 14 Schriftstellern anvertraut, darunter Ulrike Draesner, Evelyn Grill, Karl-Heinz Ott, Katja Lange-Müller, Franz Hodjak. In der Anthologie "Grüne Liebe, Grünes Gift" gebärdet sich die heimelig eingetopfte Natur ziemlich unheimlich: Nicht wenige der Blättertreiber und Sonnenanbeter dieses Bandes verwüsten Wohnungen, verschlingen Menschen oder verleiten gar zum Mord. So also siegt die Natur. Doch das nur, weil die Sprache ihr so herrlich bös und schlau zur Seite steht.

Man kann die 378 Seiten von "Stimmenfang" aufschlagen, wo man will, man wird sich einklinken, wird weiterlesen - ganz gleich, ob aus Bewunderung oder Verwirrung: Kalt jedenfalls lässt einen keine einzige dieser Erzählungen. "50 frische Texte aus Österreich" verspricht der Untertitel der Anthologie "Stimmenfang", und tatsächlich hat selten eine Sammlung dieser Art ihr Programm so sehr eingehalten wie dieser Band: Lauter verschiedene Schreibweisen sind zu lesen, Tonfälle zu erhören, Ideen zu verfolgen. Allein der Umgang der zumeist jungen Autoren mit den Satzzeichen: Während Michael Stavaric oder Gerhild Steinbuch atemlos sparsam mit ihnen umgehen, zeichnet Angelika Reitzer aus Klammern und Schrägstrichen Ab-und Nebenwege für ihre Sätze. Überhaupt ist die Reflexion über das Schriftliche ein wichtiger Moment, Georg Petz etwa setzt seine Erzählung als Textzellen nebeneinander, viele Gedichte springen über Zeilen und Seiten, Philipp Weiß wiederum integriert Fotografien. Auch wenn die Texte mitunter an Solipsismus grenzen, so beweisen sie doch auch, dass Subjektivität noch immer eine der besten Metaphernmaschinen ist.

Karin Schuster in FALTER 4/2007



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