"...und vorrätig ist dein Herz vor jedem.... Elisabeth Orth / Kirsten Dene

Klaus Völker


Graz in den Sechzigerjahren. Ein junger Mann beobachtet in der Straßenbahn fasziniert zwei junge Mädchen, die sich streicheln und küssen. "Das eine war schwarzhaarig, das andere hatte langes braunes Haar, zwei ephebische Wesen, Luftgeister. Als sie sich voneinander lösten, sah ich, dass es gar nicht zwei Mädchen waren. Es waren Peter Handke und Libgart Schwarz." Der junge Grazer heißt Peter Simonischek und ist heute ein berühmter Schauspieler. Er spielte zwanzig Jahre an der Berliner Schaubühne, ist seit 1999 am Burgtheater engagiert und gibt bei den Salzburger Festspielen seit 2002 den Jedermann. "Ich stehe zur Verfügung" heißt das Interviewbuch, in dem der sechzigjährige Simonischek im Gespräch mit dem Schweizer Kritiker Andres Müry aus seinem Leben plaudert. Die zitierte Tramway-Episode ist symptomatisch für das ganze Buch: Man erfährt wenig Substanzielles über das Theater und die Schauspielerei, aber es ist angenehm uneitel und nicht unwitzig geraten. Simonischek-Fans werden das Buch lieben. Den anderen wird er nach der Lektüre sympathischer sein.

Seriöser, dafür aber deutlich weniger unterhaltsam ist der neue Band der Edition Burgtheater geraten, der Elisabeth Orth und Kirsten Dene gewidmet ist. Unter dem pathetischen Ingeborg-Bachmann-Titel "und vorrätig ist dein Herz vor jedem anderen" porträtiert der Berliner Theaterpublizist Klaus Völker zwei große Burgschauspielerinnen mit denkbar unterschiedlichem Background. Die siebzigjährige Orth ist die älteste Tochter des Hörbiger-Wessely-Clans und seit vierzig Jahren fester Bestandteil des Burg-Ensembles; die Karriere der sieben Jahre jüngeren Dene ist eng mit der von Claus Peymann verbunden, mit dem sie 1986 an die Burg kam. Dass sich die beiden Schauspielerinnen - im Unterschied zu Klaus Maria Brandauer und Gert Voss - einen Band teilen müssen, ist sowohl ungerecht als auch ungerechtfertigt: Obwohl Dene und Orth seit zwanzig Jahren am selben Theater engagiert sind, haben sie noch nie zusammen gespielt.

Wolfgang Kralicek in FALTER 3/2007



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