Im Inneren der Haut. Matthias Sindelar und sein papierenes Fußballerleben. Ein...

Wolfgang Weisgram


Ein Kind aus Favoriten

Wolfgang Weisgram hat ein wunderbares Buch über den Wunderteamstürmer Matthias Sindelar geschrieben. "Im Inneren der Haut" ist zugleich Roman eines Lebens und Hommage an den Bezirk, in dem es gelebt wurde.

Er war ein Kind aus Favoriten und hieß Matthias Sindelar." So viel steht fest. Der Rest ist Mythos. In seinem berühmten Gedicht, das mit dem eingangs zitierten Satz beginnt, hat Friedrich Torberg den am 23. Jänner 1939 an einer Rauchgasvergiftung gestorbenen Fußballer zum politischen Märtyrer stilisiert, der vor dem Naziregime in den Freitod flüchtete. Im Falter ist vor zwei Jahren ein Artikel erschienen, in dem Peter Menasse ein ganz anderes Bild des Mittelstürmers zeichnete: Sindelar sei NS-Parteimitglied gewesen und habe mit "massivem Druck" ein Kaffeehaus "arisiert". Beide Versionen sind, zumindest so viel scheint mittlerweile klar, nicht haltbar. Für den Tod war ziemlich sicher ein schadhafter Kamin verantwortlich, und Sindelar war wohl weder Held noch Nazi, sondern einfach ein Fußballer, der sich im Strafraum deutlich geschickter anstellte als im Leben.

Wer sich neue Enthüllungen zum Fall Sindelar erwartet, wird von dem aktuellen Sindelar-Buch "Im Inneren der Haut" enttäuscht sein. Wer sich aber auf eine spannende Zeitreise durch das Favoriten der Zwanziger-und Dreißigerjahre begeben möchte, wird die 390 Seiten verschlingen. Statt einer historisch-kritischen Biografie hat der aus der Standard-Sportredaktion bekannte Autor Wolfgang Weisgram einen "biografischen Roman" geschrieben, in dem die eher dürftigen Fakten mit viel Fantasie zu einem stimmigen Bild ergänzt werden. Den Rahmen für das Bild stellt der letzte Tag im Leben des Matthias Sindelar dar, den wir quasi hautnah miterleben.

Der 22. Jänner 1939 ist ein Sonntag. Der fast 36-jährige Fußballstar, den sie wegen seines körperlosen Spiels den "Papierenen" nannten, tritt aus der elterlichen Parterrewohnung in der Quellenstraße, wo er mit seiner Mutter wohnt, in die kühle Morgenluft hinaus. Sindelar flaniert am Amalienbad vorbei und hinauf zum Fußballplatz am Alten Landgut, wo früher die Slovan spielte (und viel später seine Austria heimisch werden sollte). Die Slovan war der Verein der böhmischen Gastarbeiter, die zur Jahrhundertwende nach Wien kamen und hier sesshaft wurden - wie die Sindelars. Durch den Laaer Wald spaziert er zum Böhmischen Prater und durch die sogenannte Kreta - einen übel beleumundeten Bezirksteil, der seinen Namen dem Charakter ihrer Bewohner verdankt, die angeblich ähnlich widerspenstig waren wie die Kreter im Freiheitskampf gegen die Türken.

"Er war ein Kind aus Favoriten und hieß Matthias Sindelar." Wolfgang Weisgram hat sich Torbergs Satz zu Herzen genommen: "Im Inneren der Haut" ist nicht nur das Psychogramm eines berühmten Sohnes Favoritens, sondern mindestens so sehr auch eine Hommage an den Bezirk, den Sindelar zeitlebens selten verlassen hat. Biografische Informationen werden buchstäblich en passant, im Vorbeigehen, eingestreut. Man erfährt dann zum Beispiel, dass Sindelars Vater im Ersten Weltkrieg gefallen ist und dass der Sohn eine Karosserieschlosserlehre abgeschlossen hat. Dass er dann keine Stelle fand, war insofern kein Problem, als man schon in den Zwanzigern gut vom Fußballspielen leben konnte. Der Profikicker Sindelar begann bei der Hertha in Favoriten (den Verein gibt es längst nicht mehr) und wechselte dann zur Austria (die damals zunächst noch Amateure hieß) nach Ober St. Veit. Im Mitropacup, den er mit der Austria zweimal gewann, und in der Nationalmannschaft, dem legendären "Wunderteam", machte er sich auch international einen Namen. In den Dreißigerjahren galt Sindelar als einer der besten Fußballer Europas.

Die Zeiten sind vorbei. Vor kurzem hat Matthias Sindelar seine Karriere beendet; mit dem Jahrzehnte später umstrittenen Kauf eines "arisierten" Kaffeehauses in der Laxenburger Straße hatte er schon im August 1938 für die Zeit nach dem Fußball vorgesorgt. Es ist kurz vor Mittag, als der Chef an diesem Sonntag das Café Sindelar betritt, in dem zu diesem Zeitpunkt noch nicht viel los ist.

Matthias Sindelar ist ein stiller, naiver und etwas weltfremder Mann. Frauen, zum Beispiel, überfordern ihn ein wenig; erst mit Ende zwanzig verliert er seine Unschuld - an ein Hietzinger Mädel namens Mizzi. Seine aktuelle Geliebte ist die um ein paar Jahre ältere Italienierin Camilla Castagnola, die in der Annagasse ein Nachtlokal betreibt. Am Abend verlässt Sindelar sein Café und begibt sich zu Fuß auf seinen letzten Weg. Durch das Südbahnviadukt verlässt er Favoriten, durch die Prinz-Eugen-Straße und über den Schwarzenbergplatz ("der im Zentrum von Wien liegt wie ein überdimensioniertes, für Übermenschen abgemessenes Fußballfeld") spaziert er zur Oper, verzehrt am damals angeblich besten Würstelstand Wiens zwei letzte Käsekrainer und landet schließlich in Camillas Wohnung, wo die beiden für immer einschlafen.

"Matthias Sindelar ist im Wesentlichen ja stets so einer gewesen, der die Dinge einfach nimmt, wie sie kommen", schreibt Wolfgang Weisgram. Während er auf dem Platz den Ball beherrscht habe wie kein Zweiter, sei es im Leben genau umgekehrt gewesen: Da war er selbst der Ball und ließ sich treiben. Das Fußballspielen, erklärt Weisgram, ist dem Matthias Sindelar in die Wiege gelegt worden. "In der Wiege des Lebens dagegen lag nichts. Die schaukelte nicht, die wurde geschaukelt." In einen Fußball kann man nicht hineinschauen. In einen Menschen auch nicht. Im Inneren der Haut ist es finster.

Wolfgang Kralicek in FALTER 1-2/2007



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