Kurt Hübner. Von der Leidenschaft eines Theatermenschen

Dietmar N. Schmidt


Theater kann man nicht lesen. Man muss es sehen, spüren, erleben. Weil manche Theaterbesucher den fundamentalen Unterschied zwischen Text (= Drama) und Aufführung (= Theater) immer noch nicht verstanden haben, schimpfen sie auf das "Regietheater" und fordern "Werktreue" ein. Warum das Unsinn ist, kann man im neuen Buch des Berliner Theaterdenkers Ivan Nagel nachlesen. "Drama und Theater" enthält Lobreden und Nachrufe auf Schauspieler, Autoren und Regisseure sowie Analysen von Stücken und Inszenierungen, die zum Großteil in den vergangenen vierzig Jahren geschrieben (und neu überarbeitet) wurden; aber das Buch ist mehr als ein Sammelband, mehr als die Summe seiner Texte. Abgesehen von einem unüberhörbar kulturpessimistischen Unterton ist das ein kluger, luzider Band über das Wesen der Bühnenkunst. Wer ihn gelesen hat, wird Drama nie wieder mit Theater verwechseln.

Sehr ausführlich beschreibt Ivan Nagel unter anderem Peter Steins legendäre Bremer Inszenierung von "Torquato Tasso" von 1969. Intendant war damals Kurt Hübner, eine für das deutsche Theater im 20. Jahrhundert zentrale Figur. Dass Hübner zugleich einer der unterschätztesten Theatermacher des Landes ist, lässt sich unter anderem daran ablesen, dass erst jetzt, anlässlich seines 90. Geburtstags im vergangenen Oktober, das erste Buch über ihn vorliegt: Der von Dietmar N. Schmidt herausgegebene Reader "Kurt Hübner. Von der Leidenschaft eines Theatermenschen" versammelt Texte von Weggefährten, die alle viel berühmter sind als Hübner, wobei viele von ihnen - darunter Peter Stein und Peter Zadek - ohne Hübner vielleicht nie geworden wären, was sie heute sind. "Ich hatte eine Grundvoraussetzung für den Beruf des Intendanten, eigentlich die wichtigste: Alle Leute, die man engagiert, müssen besser sein als man selbst als Künstler", schreibt der immer noch sehr fitte Jubilar dazu. Der reich illustrierte Band enthält ein Verzeichnis sämtlicher Inszenierungen aus Hübners Intendanzen in Ulm, Bremen und Berlin, ist insgesamt aber mehr Anekdotensammlung als Biografie. Die wünschen wir Kurt Hübner hiermit zum Hunderter.

Wolfgang Kralicek in FALTER 1-2/2007



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