Ö1 gehört gehört. Die kommentierte Erfolgsgeschichte eines Radiosenders


Das Wildeste vom Wilden

Radio Ö1 feiert seinen 40. Geburtstag. Wie sich der Sender vom Hofratswitwenfunk in das verwandelte, was er heute ist, schildert Ö1-Programmdirektor und Radioveteran .

Nicht nur am Stichtag, dem 1. Oktober, sondern das ganze Jahr über wird gefeiert, weil die zu diesem Zeitpunkt von Gerd Bacher für den ORF erfundenen "Strukturprogramme" nur das Endprodukt eines Prozesses darstellten, der spätestens mit dem Amtsantritt des neuen Generalintendanten im April 1967 begann.

Die Vorgeschichte ist komplex, aber im Grunde doch einfach zu erzählen: ÖVP und SPÖ hatten den Österreichischen Rundfunk (Radio und Fernsehen) proporzmäßig unter sich aufgeteilt, aber gleichzeitig einander im politischen Gerangel so weit und lange blockiert, bis die Programme, finanziell ausgehungert und inhaltlich paralysiert, so langweilig und schlecht wurden, dass die unabhängigen Printmedien im Oktober 1964 zu einem Rundfunk-Volksbegehren aufriefen und 832.353 Unterschriften gegen diesen unhaltbaren Zustand sammelten. Das führte zu einem neuen Rundfunkgesetz, Gerd Bacher wurde Generalintendant und führte nach der legendären Informationsexplosion die Radio-Strukturprogramme ein: "Österreich 1" als Kultursender, "Ö3" als Pop-Sender und die unter dem Titel "Ö2" zusammengefassten Regionalprogramme. Davor hatte es zwei Mischprogramme gegeben - mit der Absicht, jenseits jeden Anspruchs "für jeden etwas" zu bringen: Hausfrauenmagazin, Landfunk, Kinderstunde, Schulfunk, Oper, Konzerte, Blasmusik und Unterhaltungsorchestermäßiges "bunt (durcheinander) gemischt" bis zum Überdruss. Dazwischen jede Menge Belangsendungen.

Ganz sicher waren nicht alle Sendungen schlecht, vielleicht nicht einmal die meisten, und bestimmt gab es Glanzstücke darunter, aber als Gesamtes war es ein unerträgliches Kraut-und-Rüben-Programm, das bei Publikum und Kritik zu Recht für Ärger sorgte.

Von unserer Froschperspektive aus war das alles wurscht. Wir waren doch die von Bacher erwünschte Jugendredaktion. Wir: Das waren Alfred Komarek, Heide Pilz, André Heller, Anton Pelinka, Richard Goll, Wolfgang Schüssel und etwas später Wolfgang Kos - alle unter dem liberalen und weitsichtigen Chef Hubert Gaisbauer. Und alle miteinander unfassbar präpotent, wild entschlossen, dem stockkonservativen Radio zu zeigen, wo es langzugehen hatte. Wünschte sich doch Bacher, dass wir "das Wildeste vom Wilden" spielen sollten. Wir dürften keine Sendungen machen, die ihm gefallen könnten. Das war eine Rede. Wir waren begeistert - und erfüllten ihm seinen Wunsch im Übermaß. Schließlich stand 1968 vor der Tür. Schluss mit dem "Mief von tausend Jahren unter den Talaren". Weg mit den Reimeschmieden und Unterhaltungskasperln. Fenster auf, wir waren Frischluftfanatiker. Den frischen Wind, den Bacher wollte, verstanden wir als Aufforderung, Sturm zu entfachen.

Aber nur allzu bald waren wir allesamt Maoisten, denen permanent die Grenze ihres verantwortungslosen Treibens gezeigt werden musste. Dabei waren wir gar nicht so politisch, wie man glauben sollte. Aber mit dem Establishment, auch dem des Radios, wollten wir mit Ausnahme von Gaisbauer nichts zu tun haben. Das waren alles Ärmelschoner-Dinosaurier jenseits von Gut und Böse. Die alte Garde, allen voran der ehemalige Hörfunkdirektor Übelhör mit seiner Postadresse "Taubstummengasse", eine Lachnummer. Und die konservativen Bacher-Sozialisten um kein Haar besser. Uninteressant. Genau wie der "Rest" des Radioprogramms.

Heute ist man der Meinung, dass die Einführung der Strukturprogramme eine epochale Tat war und die Qualität der Programme ein Quantensprung gegenüber den Sendern vor dem Rundfunk-Volksbegehren, aber für uns war damals Ö3 lange nicht so gut wie seine Erfindung und Österreich 1 (Ö1 durften wir weder sagen noch schreiben) ein verstaubter Hofratswitwen-Sender mit wackeligen "Säulenheiligen", Schulfunk-Orgien und der flächendeckenden Verhinderung neuer Kunstströmungen.

Beides ist richtig.

Bleiben wir bei Ö1: Zwar war die Verbesserung der Information mit der Einführung der Journale unüberhörbar, aber Bachers Hörfunkdirektor Alfred Hartner beispielsweise ein unerträglich eitler, von seinen Heldentaten beim ehemaligen amerikanischen Besatzungssender Rot-Weiß-Rot schwadronierender Bildungsprotz, der das erste Ö1-Schema im Alleingang machte. Eine Anmaßung, auch wenn es schlechter hätte ausfallen können und sich manches bis heute gehalten hat. Der Erfolg, wie wir ihn heute definieren, war mäßig, die Reichweiten bescheiden.

Mit den Intendanten In der Maur, Grissemann, Nagiller wurde es schrittweise besser. Der Schulfunk wurde abgeschafft, Top-Programme wie Radiokolleg, Hörbilder, Diagonal oder Tonspuren und ein akustisches Design vom Komponisten Werner Pirchner wurden eingeführt. Dann kam 1994, und damit kamen Gerhard Zeiler als Generalintendant und Gerhard Weis als Hörfunkintendant, ein Senderchef und eine bis dahin nie dagewesene Werbekampagne ("Ö1 gehört gehört"). Von diesem Zeitpunkt an bis heute verdoppelte sich das Publikum fast: von 380.000 auf 660.000 tägliche Hörerinnen und Hörer.

Und zwar nicht nur bei der Generation 50 plus, sondern auch bei den jüngeren Publikumsschichten.

Warum? Wo doch die Kulturprogramme in Europa, abgesehen vom Schweizer DRS2 und den skandinavischen Ländern, durchgehend Probleme und sinkende Reichweiten haben? US-amerikanisches Radio ist für diese Frage ein besonders gutes Beispiel, zeigt es doch, wie eine mediale Großmacht nach europäischem Maßstab auf den Status eines ambitionierten Entwicklungslandes sinken kann.

Also was waren die Gründe für den Erfolg?

Auf den Punkt gebracht würde ich meinen, weil wir den Unternehmenszweck neu definierten.

Abgesehen davon, dass die Altvorderen und wir Neuhinteren von damals die gleiche Nabelschau betrieben (Sendungen machte man vorwiegend für sich selber, wenn sie dem Publikum auch gefielen, hatte es Glück), war die Radioforschung nicht wichtig (man wusste alles besser), wurden Reichweiten wenig beachtet (wirklich gute Sendungen haben eben wenig Publikum), war Verkündigung angesagt, nicht Service oder Dialog. Der großartige Bau von Clemens Holzmeister war ja von seiner Geschichte her (Eröffnung unter den Nazis) abweisend. Eine funktional hervorragend konzipierte Trutzburg mit einer Schießscharte beim Eingang zur Abwehr von ungebetenen Gästen. Und ungebeten waren sie alle, die "denen draußen" nichts zu verkünden hatten.

Auch noch nach dem Ende des De-facto-Monopols galten die neuen Mitbewerber als die Träger der Innovation. Das öffentlich-rechtliche Radio drohte in den Hintergrund gedrängt und das Funkhaus als denkmalgeschützte RAVAG-Beamtenburg und Hort des Dampfradios abgestempelt zu werden.

Dem wollten wir die Selbsterneuerungskraft des lebendigen und auf der Höhe der Zeit sich bewegenden Kultur-Radios entgegensetzen.

Selbstverständlich musste als oberste Priorität das Produkt stimmen, also das Programm (Ö1):

Es sollte generalistisch sein, also so etwas wie "ganzheitlich", die relevanten Themen und Emotionen berücksichtigen. Es sollte inhaltlich und formal gleich anspruchsvoll und unverwechselbar sein, sich durch einen permanenten Wechsel von Spannung und Entspannung und einen guten Wort-Musik-Rhythmus auszeichnen. Es sollte zeitgemäß und serviceorientiert sein. Und vor allem: Das Publikum sollte bei seinem Sender nie das Gefühl haben, sich wesentliche Bereiche woanders (oder gar bei einem anderen Sender!) holen zu müssen. Mit dem Kraut-und-Rüben-Programm von einst ist das allerdings nicht zu verwechseln.

Darüber hinaus sollte Kommunikation mit dem Publikum stattfinden - nicht nur über den Äther. Radio zum Angreifen. Das war neu: der Ö1 Club, die Zeitschrift gehört, das RadioKulturhaus mit täglichen Kulturveranstaltungen und einem RadioCafé, der Führungspfad im Haus, Shop, CD-Produktionen, Kopier-Service, die Grafik des Monats, Organisation von Festivals, Bahnfahrten nach Salzburg, (Wein-)Schiffsreisen, Ö1-Sommerakademien mit Mal-, Schreib-und Handwerkskursen und schließlich das Ö1-Angebot im Internet samt interaktiven Angeboten. Wir machen also viele Dinge, von denen man, wenn man will, sagen kann, das gehört nicht zu den Aufgaben von Ö1. Wenn man will. Aber wir wollen nicht. Wir sind der Meinung, dass zu einem Sender, der sich um sein Publikum kümmert, mehr gehört als das Verbreiten von Sendungen. Wenn das Radio nur sendet, hat es keine strahlende Zukunft, weil es dann nur als Berieselungsmedium überlebt oder als Nischenprodukt. Daher bemühen wir uns um den allmählichen Umbau von Ö1 vom eindimensionalen Sender zum multimedialen Dienstleister. Unsere Hörerinnen und Hörer sind nicht eindimensional, wir daher auch nicht. Sie suchen die Kommunikation. Wir auch. Das Publikum will Service und Nutzen in vielerlei Hinsicht. Ö1 sucht dieses Bedürfnis nach besten Kräften zu befriedigen. Und ich bin davon überzeugt, dass das - neben der wichtigsten Voraussetzung eines anspruchsvollen Programms - einer der Gründe für den Erfolg von Ö1 ist.

Alfred Treiber in FALTER 1-2/2007



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