Begegnung um Mitternacht. 10 Geschichten über die Liebe

Gabriel Loidolt


Vom neuen Schmachten

Der Grazer Autor Gabriel Loidolt flirtet in seinem Buch "Begegnung um Mitternacht" mit dem Genre der Liebesgeschichte.

Geschichten über die Liebe" verheißt der Untertitel von Gabriel Loidolts neuem Erzählband, der durchwegs Geschichten unbefriedigten Begehrens enthält. Womit er thematisch an den Roman "Die irische Geliebte" (2005) anknüpft. Während im Roman die Verinnerlichung erzkatholischer Prüderie der Liebe entgegensteht, ist es in "Begegnung um Mitternacht" mehrheitlich die Asymmetrie der Beziehungen: Einer erwählt sich die Eine, die attraktiver oder jünger und mitunter auch besser situiert ist als er selbst, die andere begehrt einen, der ihr an Anziehungskraft überlegen ist. Zum Glück geht es sich nicht aus.

Loidolt siedelt seine Alltagsgeschichten vornehmlich in der stark durchlässigen Schicht von höher qualifizierten Angestellten und Freiberuflern, etwa des Kreativbereichs, an. Es ist jenes Milieu, das sich habituell von der kompakten kleinbürgerlichen Majorität abzuheben versucht, ohne aber deren Einstellungen zu entkommen. Das Interesse des Erzählers gilt insbesondere Zusammenhängen zwischen der Ökonomie und sexuellen Attraktivität in einer Gesellschaft, deren Dynamik als Reaktionsweise einen kalkulierten Umgang mit symbolischem Kapital, vor allem mit sexueller Attraktion, befördert. Damit in Verbindung stehende sexuelle Notlagen führt Loidolt beispielhaft an Männern im besten Alter vor. Deren Schwärmerei und Frustration haben, trotz einer relativen Freizügigkeit wenigstens in unseren Breiten, etwas merkwürdig Zeitgemäßes an sich. Der Tauschhandel "gute Figur gegen gute Partie" ist freilich keine Erfindung erst des Neoliberalismus, verschärft hat sich in einem Zeitalter ununterbrochener Bilderzeugung aber der Druck auf das System unserer sozialen Wahrnehmung und erotischen Wunschproduktion. Die letzte Geschichte endet mit einer "nie gekannten Art von Phantasie" eines arbeits-und beziehungslosen, verwahrlosten Programmierers: "Er wählt 0190 ... Und eine dieser Frauen, die alle seine enttäuschten Hoffnungen und Sehnsüchte in allen Formen verkörpern, steigt aus dem TV-Gerät, und er nagelt sie mit seinem Geschlecht auf den harten Boden und würgt sie, bis sie die geweiteten Barbiepuppenaugen verdreht und nur mehr zuckend röchelt."

Erzählt werden die mit einigen autobiografischen Einsprengseln durchzogenen Geschichten aus dem Blickwinkel der männlichen Protagonisten, die meisten davon in Ich-Form. Gezielt im Text platzierte machistische Vorurteile ("sie war eine raffinierte Liebhaberin, obwohl sie studiert hatte") halten den Leser auf kritische Distanz, während andererseits durch die berufliche und soziale Situierung der meisten Helden im konkret fassbaren zeitgenössischen Milieu eine identifikatorische Lektüre befördert wird. Die Vertrautheit der Lebenswelt eignet sich zur erzählerischen Thematisierung von gesellschaftlichen Konventionen. Loidolts diesbezüglicher Interessenshorizont reicht über das regionale Umfeld durchaus hinaus (zum Personal des Bandes gehören auch jugoslawische Migranten ebenso wie eine Japanerin), in Bezug auf die soziale Schichtung allerdings besitzt sein Erzählkosmos blinde Flecken. Die gesellschaftlichen Sphären des Großkapitals ebenso wie die des Subproletariats scheinen zeitgenössischen österreichischen Erzählern überhaupt etwas aus dem Blickfeld geraten zu sein. Im Grunde bewegt sich Loidolt in einer ihm und seinen Lesern restlos bekannten Welt, im Liebesleben einzig scheinen Überschreitungen vorstellbar, praktikabel sind diese freilich nicht. Die Sanktionen reichen von der peinlichen Bloßstellung bis zur brachialen Eskalation.

Es fügt sich, dass Loidolt die Obsessionen seiner Helden in konventionell erzählte Texte bändigt. Der Stil seiner Prosa ist unprätentiös. Die unauffällige Sprachhandhabung, die geradlinige Handlungsführung und die klare Perspektivierung sind Merkmale einer Schreibweise, die jenseits innovativer Sprachkunst anzusiedeln ist. Der Wertungszusammenhang, in dem "Begegnung um Mitternacht" zu beurteilen wäre, ist demnach mehr jener des Handwerklichen als jener avancierter Dichtung. Loidolts gut gemachtes Buch wird der Konvention gerecht.

in FALTER 51-52/2006



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