Der Räuber. Mit einem Nachwort von Michel Mettler

Robert Walser


Das tapfere Räuberlein

Anlässlich von Robert Walsers fünfzigstem Todestag liegt nun dessen genialer Roman "Der Räuber" in einer neuen Überarbeitung vor.

Auch abgesehen vom gern gehätschelten Arme-und-irre-Poeten-Klischee seines Verfassers hat "Der Räuber" eine titelgemäß abenteuerliche Geschichte: Der in des Autors berüchtigter, lange Zeit als unentzifferbar geltender Bleistiftfuzzlschrift verfasste Roman fand sich auf 24 Blättern in einem Konvolut sogenannter "Mikrogramme" und wurde 1972 erstmals veröffentlicht. Die soeben, aus Anlass von Walsers fünfzigstem Todestag am 25. Dezember, neu überarbeitete Ausgabe hat nun sämtliche Lücken gefüllt und "rund 150 Einzelstellen berichtigt bzw. neu entziffert".

Der Inhalt des im Sommer 1925 verfassten, aber wohl aus Rücksichtnahme auf die eigene Person und weitere leicht entschlüsselbare Figuren der Berner Gesellschaft zu Walsers Lebzeiten nie veröffentlichten Romans ist leicht erzählt - es gibt nämlich keinen. Was es sehr wohl gibt: den Titelhelden, einen in unscharfer Nähe zu diesem sich befindenden Icherzähler und den Rest der Welt - ein Inferno der Fürsorglichkeit: Vorzugsweise erotisch engagierte Frauen sind es, die dem gutmütigen Bohemien gut oder weniger gut zureden, etwas mehr Anstand, Ehrgeiz, Entschiedenheit, Lebensernst, Respekt, Zärtlichkeiten an den Tag zu legen. Der viel beanstandete Räuber, der außer "Landschaftseindrücken" und "Neigungen" noch nie etwas geraubt hat, widmet sich freilich seiner gutmütigen "Herablächelei" und "unartigkeitelt" vor sich hin (was sind das aber auch für Sachen: einer Witwe das Kaffeelöffeli abzulecken?!), bleibt aber zur allgemeinen Empörung "der vaterländischen oder helvetischen Gesellschaft oder Vereinigung für geistige Urkunden seine Biographie schuldig".

Walsers diminuitivversessener "Roman" ist ein Monument der Moderne, die sich hier nicht schnurstracks Richtung Reduktion, sondern in endlosen Achterschleifen bewegt; ein hochreflexives und-ironisches Manifest einer Wortkunst, die tänzelnd die Verhältnisse zum Tanzen bringt; ein hochmoralisches, aber moralinfreies Brevier der Lebenskunst, an dem sich heute auch die Genderforschung abarbeiten mag (der Räuber fühlt sich hin und wieder als Mädchen, "weil mich häusliche Arbeiten lustig anmuten"); und ein Bibelchen all jenen, die den allzu Gefestigten mit Skepsis begegnen: "Der Boden unter unsern Füßen darf und soll sich heben und senken, und wir brauchen, um die Richtung ins Vollkommene beizubehalten, fortwährender Empfindung, daß wir nicht fertig mit uns sind und es wohl auch nie werden."

Klaus Nüchtern in FALTER 51-52/2006



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