Eleanor Rigby

Douglas Coupland


1000 Punschkekse

In "Eleanor Rigby" schenkt Douglas Coupland seiner sympathischen Antiheldin und dem Leser ordentlich ein.

Ich heiße Liz Dunn. Ich war nie verheiratet, bin Rechtshänderin und habe tiefrote, widerspenstige Locken. Vielleicht schnarche ich, vielleicht auch nicht - es hat nie jemanden gegeben, der mir das hätte sagen können." Einsamkeit hat im neuen Roman des kanadischen Autors Douglas Coupland einen Namen - und ein unscheinbares Gesicht: "Die Menschen schauen mich an und vergessen, dass ich da bin."

"Eleanor Rigby", benannt nach einem Song der weithin unterschätzten Liverpooler Popband The Beatles, setzt bei dem Gedanken an, dass möglicherweise doch nicht alle modernen Singlemenschen ganz freiwillig allein leben. Liz jedenfalls empfindet ihr Leben als Einzelhaft. Mit 36 pflegt sie immer noch vorrangig mit ihrer Mutter und den beiden Geschwistern Umgang.

Die Icherzählerin erweist sich als etwas mürrische, aber im Grunde hochsympathische Erscheinung, mit der man gern mitleidet. Das Leiden geht freilich erst richtig los, als es ein Ende mit der Einsamkeit hat und Liz ins Leben hineinstolpert. Ein junger Mann namens Jeremy taucht auf und glaubt in ihr seine Mutter zu erkennen. Er entpuppt sich als Pflegefall, Liz als aufopfernd, der Vater als Österreicher (die Zeugung fand bei einem Schulausflug nach Rom statt).

Coupland setzt den mit "Girlfriend in a Coma" und "Miss Wyoming" eingeschlagenen Weg zum Meister des sentimentalen Popromans fort. Die Handlung überschlägt sich vor seltsamen Zwischenfällen und tragikomischen Szenen, die Figuren sind grotesk überzeichnet, die Sprache könnte aus einem Lebensratgeber stammen ("Ihr seid das alles, und alles ist in euch"), und ein Klischee jagt das andere. Mit anderen Worten: Die Lektüre von "Eleanor Rigby" fühlt sich an wie der Verzehr einer Überdosis Weihnachtskekse.

Ähnlich wie Bret Easton Ellis oder Joachim Lottmann ist Coupland ein Autor, bei dem man sich als Leser nie sicher sein kann, ob man nicht einem einzigen Betrug aufsitzt - derart gnadenlos tötet er jeden Ansatz von Schöngeistigkeit in seiner Literatur ab. Ist er ein großes Kind, das nie gelernt hat, sich richtig auszudrücken? Oder schreibt er nur für große Kinder wie uns, die nie gelernt haben, sich richtig auszudrücken? So oder so muss ihm bei nächster Gelegenheit die Ehrenplakette "Rosamunde Pilcher für iPod-User" überreicht werden. Die hat er sich nämlich verdient.

Sebastian Fasthuber in FALTER 51-52/2006



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