Lesebuch Projekte

Christian Reder


Projet trouvé

Für manche bedeutet ein "Projekt" Abenteuer, für die meisten der in Kultur und Wissenschaft Beschäftigten jedoch das Ende geregelter Arbeitsverhältnisse. Christian Reder gab zwei Bücher zum Thema heraus.

Es gibt einfachere Projekte als das von Noah. Er soll ein Boot bauen, damit nach dem nächsten Megatsunami auf der Erde noch etwas anderes übrig bleibt außer Fischen. Seine Familie und viele Tiere sollen Platz haben, von jeder Gattung ein Pärchen. Aus dieser Schnapsidee wäre wohl nichts geworden, hätte Noah in der biblischen Geschichte nicht Gott als Auftraggeber gehabt. "Ohne die sonderbare Weisung des Himmels", schreibt Daniel Defoe in seinem 1697 erschienenen "Essay upon Projects", "würde der gute Alte gewiss sein ganz lächerliches Projekt aufgegeben haben."

Die Neuherausgabe dieses Schlüsseltextes der frühen Moderne, in dem der später durch den Roman "Robinson Crusoe" berühmt gewordene Autor einige Vorschläge für Strukturreformen in England unterbreitete, ist selbst das Projekt eines leidenschaftlichen Projektemachers. Der Wiener Christian Reder schrieb ein Vorwort und stellte Defoes Essay ein dickes Lesebuch mit Texten bekannter Projektanten wie Peter Sellars oder Alexander Kluge zur Seite. Anders als Noah hatte Reder einen Auftraggeber, wie er für Projektemacher säkularer Gesellschaften typisch ist: sich selbst.

Obwohl Reder mit seinen sechzig Jahren im Vergleich zu dem 600 Jahre alten Noah ein Jungspund ist, sieht man ihm an, dass er bereits einige Projekte auf dem Buckel hat. Mit gegerbtem Gesicht und tiefer Raucherstimme ist er das Gegenteil eines slicken Projektmanagers. Während der Achtzigerjahre war er zuerst in Nicaragua, dann viel in Pakistan und Afghanistan, um für die vom Krieg bedrohte Bevölkerung Hilfsprojekte zu organisieren. "Damals reichte dafür noch ein Anruf aus dem Umfeld des Bundeskanzlers, und es gab auch eher problemlos Startfinanzierungen", erinnert sich Reder nicht ohne Wehmut; das war, bevor Controlling und Evaluierungen auch in das Humanitarian Business Einzug hielten. Vor zwei Jahren fuhr er mit Studenten der Angewandten auf einem Schiff die Donau hinab, im nächsten Frühjahr geht es auf die Krim. Es wäre kein Projekt, wüsste er jetzt schon, "was dabei rauskommt".

Schließlich investierte er einige Jahre seines Lebens in ein Projekt namens Falter Verlag, den es ohne Reders Engagement höchstwahrscheinlich nicht mehr gäbe. Er brachte seine Erfahrung als Unternehmensberater ebenso ein wie seine Kontakte, die Geduld für wochen-und monatelange kollektive Analysen der Lage ebenso wie sein Engagement bei der äußerst mühsamen Finanzierung und seine Arbeit als Autor und Interviewer.

"Grundlagen für ein weitgefasstes Analysieren, Konzipieren, Entwerfen, Realisieren; Transfers zwischen Kunst und Wissenschaft, zwischen Disziplinen, Denkzonen, Kulturen": Das ist ein kleiner Auszug aus Reders Tätigkeitsfeld. "Wenn ich an einem Wochenende nicht zwei, drei Projektideen im Kopf hätte, wäre ich verloren." Konzeptpapiere, Weißbücher und Plattformen pflastern den Weg des Gründers der Projektorganisation Transferprojekte-rd.org und Professors für Kunst-und Wissenstransfer an der Angewandten.

In Daniel Defoes Leben entdeckte er Züge einer unangepassten Projektbiografie, die heutigen Professionalisierungszwängen zuwiderläuft: "Ist ein Defoe heute denkbar? Einer, der dreißig Jahre lang ein windiger Politikberater ist, im Gefängnis saß, mit diversen Unternehmungen scheitert, als Journalist arbeitet, Zeitungen gründet, dann mit sechzig Jahren sich in die Weltliteratur schreibt, so einer hätte es auf der Frankfurter Buchmesse oder im Falter verdammt schwer. Mir gefällt es, ein Leben als Vielfalt zu verstehen, und nicht von 18 bis 78 Literat zu sein, ohne viel nach links oder rechts zu schauen."

Reder gehört zu jener Generation, für die das Wort Projekt synonym war für gesellschaftlichen Aufbruch. Den Revolutionsslogans der späten Sechzigerjahre folgte eine breite reformatorische Bewegung mit Kinderläden, Stadtzeitungen, feministischen Aktionsgruppen und para-universitären Theoriezirkeln. Statt geradliniger Karrieren suchte man die Selbstverwirklichung außerhalb der Institutionen, statt der Einbetonierung im Staatsapparat rasch sichtbare Ergebnisse im spontanen Projekt. Im Workshop konnte man sich entfalten, am Arbeitsplatz nur verschimmeln. Pragmatisch statt radikal wollte man das Unmögliche möglich machen. "Für mich sind Projekte eine Denkform, um dem grassierenden professionellen Zynismus zu entkommen", sagt Reder: Ihm steht eine breite Front der Projekteskeptiker gegenüber.

Seit Defoes Zeit gelten Pläneschmiede als windige Dampfplauderer, deren Scheitern bereits in die Bedeutung des lateinischen Wortes proicere eingeschrieben ist. Das heißt nämlich nicht nur nach vorne werfen, sondern auch hinwerfen im Sinne von Aufgeben. Jonathan Swift karikiert in seinem Buch "Gullivers Reisen" zeitgenössische Projektemacher wie Defoe, der die Mitgift seiner Frau durch die Planung einer Tauchmaschine oder die Zucht von Zibetkatzen durchbrachte. Swifts Projektemacher versuchen Sonnenstrahlen aus Gurken zu ziehen oder Scheiße in Essen zurückzuverwandeln. Stets zieht die (unwahrscheinliche) Aussicht auf einen möglichen Erfolg einen Rattenschwanz an Spekulanten nach sich. Darin ähnelt Defoes Zeit, wo etwa auf die ertragreiche Rückkehr von Schiffen Wetten abgeschlossen wurden, der Goldgräberstimmung des ersten Internetbooms. "Der Projektemacher operiert gewöhnlich mit großem Risiko, nämlich mit dem Risiko zu scheitern", schreibt Markus Krajewski in der von ihm herausgegebenen Aufsatzsammlung "Projektemacher".

Was den Projektemacher außerdem suspekt macht: Er redet viel und sagt wenig, die Arbeit machen andere. Er hat am Anfang kaum mehr vorzuweisen als das Versprechen, dass es schon funktionieren wird; "Es" ist ja ein work in progress. Abmachungen trifft er, auf dem Projekt-Flow schwebend, mündlich; er kann sie dann leichter brechen. Geht die Sache schief, hat er sich längst aus dem Staub gemacht. Für Krajewski liegt die Tragik des Projektanten auch darin, dass sich jedes Projekt, so es erfolgreich ist, in etwas anderes verwandelt: "Es wird zum Produkt, zur glänzenden Leistung, zur gelobten Erfindung."

Der schlechte Ruf des Projektemachers hängt auch damit zusammen, dass er meist nicht eigenes, sondern das Geld gutgläubiger Freunde, Ehefrauen und Verwandter verbrät. Über Pärchen heißt es dann: "Er sorgte für die Unterhaltung, sie für den Unterhalt." Der Grund für das Scheitern der meisten Lokal-, Firmen-und Theaterprojekte ist banal: Ihr größter Fan ist meist der Urheber, manchmal auch ihr einziger. Bei Kulturprojekten gilt der Erfahrungswert: Sobald der Projektemacher die Wörter "kollektiv" und "Teamwork" verwendet, heißt es Reißaus nehmen; er bezahlt mit dem Wörtchen "Danke".

Oben in den Projektwolken schwebt eine Handvoll Großkuratoren, Stararchitekten und Festivalleiter, unten rudert das Heer der Projektsklaven. Für sie heißt Projekt: unter Termindruck zu Hochform auflaufen und sich von sicheren Arbeitsverhältnissen verabschieden. "Es wird nicht mehr lange dauern, bis auch die Schichtarbeit genau genommen Projektarbeit ist", gibt Eva Blimlinger, Projektkoordinatorin der Angewandten, zu bedenken. Sie beschreibt in ihrem Beitrag für das Lesebuch ihres Kollegen Reder den Alltag der Projektarier.

Schiffbruch zu erleiden hat für sie nichts mit dem großartigen Scheitern eines Don Quijote oder Fitzcarraldo zu tun, sondern mit seitenlangen Projektanträgen, mit Finanzierungsplänen, Bilanzen und zweisprachigen Abstracts. Diese hochformalisierten Verfahren suggerieren objektive Entscheidungen. "Mitnichten!", sagt Blimlinger. "Selbstverständlich werden in bestimmten Bereichen Finanzierungen zugesprochen nach Maßgabe der Kontakte, die zu wem, wann, wie gegeben sind." Auf Projekte wird überall dort verwiesen, wo Kosten gespart werden sollen, "damit das Vorhaben effizient ist, damit evaluiert werden kann, damit, damit ... - damit jedenfalls sichergestellt ist, dass es keine Projektemacherei mehr gibt, sondern Projekte!"

Kultur-und Wissenschaftspolitiker lieben das Wort: Sie müssen kein Geld für Strukturen ausgeben und können griffig formulierte Resultate vorweisen. "Fast lässt sich sagen: Das Andauernde, das Langfristige, das Beständige ist heute das Abenteuer", so Blimlinger. Für Reder steht der Wert des Projektemachens dennoch außer Frage: "Denken Sie an die letzten zehn Jahre. Woran erinnern wir uns? Im Privaten an Liebesgeschichten und in Bezug auf die Arbeit an Projektphasen. Projekt muss gar nicht immer Erfolg heißen, eher Intensität und Erfahrung."

In der öffentlich subventionierten Gesellschaft des Spektakels findet sich indes stets ein Plätzchen für Pläneschmiede alter Schule, auch Traumtänzer genannt. Die Stadt Wien gab etwa beim Franzosen Emmanuel Mongon einen Masterplan für die Neugestaltung des Praters in Auftrag. Mit einem Honorar von 1,4 Millionen Euro schwebte er davon und hinterließ, laut Kontrollamtsbericht, 200 Projekte - in Form "kurzer verbaler Beschreibungen".

Matthias Dusini in FALTER 51-52/2006



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