Landnahme

Christoph Hein


Christoph Heins "Landnahme" erzählt von Opportunisten in der DDR und geht über den historischen Einzelfall weit hinaus.

Die Deutschen sind wieder einmal dabei, ihre Erinnerung neu zu ordnen. Es geht nicht darum, die Einzigartigkeit des Nationalsozialismus infrage zu stellen. Der größte Teil der Täter lebt nicht mehr, aber einer Generation, die als Kinder und Jugendliche Bombenangriffe und Vertreibung erlebt haben, bietet sich in diesen Jahren die letzte Chance, ihre eigenen Erfahrungen als mittelbare Kriegsopfer öffentlich zur Sprache zu bringen: Was bis vor wenigen Jahren noch gar nicht so einfach war, wollte man nicht mit reaktionären Veteranen oder Vertriebenen verwechselt werden.

Der enorme Erfolg so unterschiedlicher Bücher wie Günter Grass' "Krebsgang" oder Jörg Friedrichs "Der Brand" in der deutschen Öffentlichkeit hängt mit diesem Bedürfnis zusammen, ohne falschen politischen Beigeschmack über eigene Traumata sprechen zu dürfen. Deshalb zieht jetzt auch Christoph Heins "Landnahme" unter den diesjährigen Frühjahrsneuheiten in Deutschland besonders viel Aufmerksamkeit auf sich. Was natürlich auch ein Verdienst des Autors ist, der das Erzählen in einer Perfektion beherrscht, die man ohne falschen Zungenschlag getrost als meisterlich bezeichnen darf.

Für seinen neuen Roman hat Hein eine Figur gefunden, über die man alles wissen möchte, aus der heraus sich ein wunderbarer Plot entwickeln lässt. Bernhard Haber, Jahrgang 1940, wurde mit seinen Eltern aus Breslau vertrieben und kam 1950 in Guldenburg unter, das muss irgendwo in Sachsen liegen. Bei der Bevölkerung der DDR waren die Flüchtlinge noch weniger willkommen als drüben in der ökonomisch rosigeren Bundesrepublik, und die Familie Haber stößt in Guldenburg denn auch auf geschlossene Ablehnung - erst recht, als Bernhards Vater mit einer Tischlerei zu bescheidenem, aber respektablem Erfolg kommt. Die Guldenburger Geschäftswelt ist nicht nur durch jeden unerwarteten Konkurrenten verunsichert, sie fürchtet sich noch mehr vor den drohenden Kollektivierungen, die ja nicht nur das persönliche Eigentum, sondern auch eine über Generationen gewachsene Struktur des Zusammenlebens bedrohen. Weil er keine Chance sieht, in diese Kreise aufgenommen zu werden, verbündet sich Bernhard Haber mit der gegnerischen Seite und zieht als Propagandist der Kollektivierung durch die Stadt, der auch nicht davor zurückschreckt, neue Mitglieder mit brutalen Methoden in die landwirtschaftlichen Genossenschaften zu zwingen.

Damit hat Haber sein Lebensprinzip gefunden. Weil ihn die Guldenburger ausgrenzen, fühlt er sich moralisch nur noch seinem eigenen Wohlergehen verpflichtet. Er verdingt sich in den kommenden Jahren finanziell außerordentlich erfolgreich als Fluchthelfer, Karussellbesitzer, dann wieder als Tischler, bis er schließlich, in den wilden Jahren nach 1989, eine letzte Karriere als Unternehmer startet. Die Guldenberger können ihn längst nicht mehr ignorieren, er darf zum Kegelabend der wenigen Selbstständigen, die den Sozialismus überlebt haben, und er krönt am Ende des Romans seine Karriere mit der Neugründung der Guldenberger Faschingsgesellschaft.

Hein erzählt also von einem, den vielleicht erst die Not zum Opportunisten gemacht hat. Weil sich diese Figur so gar nicht auf einen Begriff bringen lässt, verteilt der Autor das Erzählen auf fünf Weggefährten, die Bernhard Haber in unterschiedlichen Situationen kennen gelernt haben, die ihn bewundern, denen er stets ein Rätsel blieb, die er enttäuscht hat. Ganz zwanglos fügt sich aus diesen fünf Erinnerungen ein historisches Panorama zusammen, das vieles zeigt, was nicht kennen und wissen kann, wer im Westen aufgewachsen ist, und viel erklärt über den großen Abstand, der sich zwischen dem Osten und dem Westen aufgetan hat.

Man darf ruhig den Namen Balzac fallen lassen, wenn man am Ende der Lektüre noch einmal die vielen Haupt- und Nebendarsteller Revue passieren lässt, alle präzise und zwingend gearbeitet und jeder mit einer unverzichtbaren Rolle betraut. Wie dieser Roman politischen Größenwahn und privaten Kleinmut, den Furor der Ehrgeizigen und die Kraft der Beharrlichen miteinander verwebt - das hat Größe. Und das wird die Leser auch noch interessieren, wenn alle Debatten über die Vergangenheit zu welchem Ende auch immer gefunden haben.

Tobias Heyl in FALTER 8/2004



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