John Henry Days

Colson Whitehead, Nikolaus Stingl


Schon wieder ein Jungstar aus den USA: Mit seinem Roman "John Henry Days" liefert Colson Whitehead ein detailliertes Panorama schwarzer amerikanischer Geschichte und Gegenwart.

Auch wenn mit vollen Hosen leicht stinken ist - über einen Mangel an Aufmerksamkeit darf sie sich gewiss nicht beschweren -, so fällt doch auf, mit welcher Verlässlichkeit und Kontinuität die US-Literatur neue Talente produziert. Während die großen alten Herren wie John Updike oder Philip Roth literarisch noch gut in Saft und Futter stehen, reüssiert am krisengeschüttelten deutschsprachigen Buchmarkt jedes Jahr ein neuer amerikanischer Schriftsteller - ob er nun Jonathan Franzen, Jeffrey Eugenides oder David Foster Wallace heißt.

Der jüngste Anwärter auf den "Shooting Star der Saison" ist der 1969 in New York geborene Colson Whitehead. Dem Harvardabsolventen könnte mit "John Henry Days" (im Original 2001 erschienen), seinem zweiten Roman nach "Die Fahrstuhlinspektorin" (2000), auch bei uns der Durchbruch gelingen; die hymnischen Worte des Kollegen Franzen, die das Buch begleiten, dürften dabei nicht schaden.

Der Titelheld, dem im Juli 1996 mit einer Sondermarke des US Postal Service gedacht wurde, ist eine der großen Gestalten der (schwarzen) amerikanischen Geschichte - und das kann man ruhig wörtlich nehmen. In der Mythologie, die diesen working class hero des Eisenbahnbaus umrankt, wird er meist als Berg von einem Mann beschrieben, was nicht ganz unwahrscheinlich und -stimmig ist, hat Henry doch maßgeblich dazu beigetragen, zu Beginn der 1870er-Jahre den legendären Big Bend - einen 1,8 Kilometer langen Eisenbahntunnel durch einen Berg bei Talcott, West Virginia - zu treiben. Der Ruhm Henrys, der sich in einer üppig wuchernden Folklore manifestiert - Bühnenstücke, Zeichentrickfilme, Kinderbücher, vor allem aber Songs ("The Legend of John Henry's Hammer" wurde u.a. von Johnny Cash gecovert) -, gründet auf einem Mythos, dessen Realitätsgehalt freilich nicht zweifelsfrei erwiesen ist: Als Bohrhauer (ein solcher muss die Sprenglöcher in den Berg schlagen) soll Henry im Wettkampf eine Dampfbohrmaschine besiegt haben - und dann tot umgefallen sein.

Colson Whitehead ist es in seinem Roman nicht darum zu tun, den "wahren" John Henry zu rekonstruieren. Das ist unmöglich. Schon in den Zwanzigerjahren konnte Guy Johnson, dem ein kleines Kapitel des Romans gewidmet ist, bei Recherchen in Talcott nicht mehr herausfinden, ob das legendäre Duell Mensch gegen Maschine wirklich stattgefunden hatte: "Mit jedem Gespräch, das er führt, wird der Sachverhalt weniger fassbar, wie ein Boxer, der ausweicht und fintiert. Ob er auf einen Brief hin nachfasst oder aufs Geratewohl alteingesessene Bürger und Veteranen befragt, er bekommt keine zwei übereinstimmenden Geschichten zu hören."

Statt Mythos von Wahrheit zu trennen oder auch die verschiedenen Varianten gut postmodern als variierende Signifikationen einer notwendig verborgenen "Realität" freizulegen, benutzt "John Henry Days" die Ereignisse um die titelgebenden Feierlichkeiten, um einerseits Bohrproben afroamerikanischer Geschichte vorzunehmen und andererseits die Legende von John Henry mit der modernen Medienwelt zu verlinken, die ihre eigenen Mythen produziert. Der neben John Henry zweite Protagonist des Romans ist der 29-jährige Lohnschreiber und Spesenritter J. Sutter, der mit einigen seiner Branchenkollegen in Talcott weilt, um Material für einen Artikel zu sammeln. Der neben der wild wuchernden Henry-Saga zweite mythische Text des Romans ist die so genannte "Liste" - eine Aufstellung all jener Journalisten und Schreiber, die verlässlich zu den Produktpräsentationen, PR-Veranstaltungen und Pressereisen geladen werden, auf denen J. und seine Kollegen Gratisessen in sich reinwürgen (ein Stück Hochrippe führt in Talcott beinahe zu J.s Tod) und Spesenrechnungen anhäufen.

Es ist ein pubertärer Ehrgeiz, eine kindische Gier, die die Branche umtreibt: J. etwa ist immer bemüht, auch noch Kaugummi und Zeitschriften (als Essen und Recherchematerial) zu verrechnen, und ohne es ursprünglich geplant zu haben, ist er nun auf "den Rekord" aus: Ein ganzes Jahr lang will er Tag für Tag an einer Presseveranstaltung teilnehmen.

Was Whiteheads beeindruckenden Roman etwas aus dem Gleichgewicht bringt. Auf der einen Seite türmt er einen ganzen Berg an historischen Recherchen, Nebenfiguren und Fakten auf, deren literarische Notwendigkeit mitunter zweifelhaft scheint (auf einige Details in der Geschichte der Eisenbahnphilatelie hätten wir doch ganz gerne verzichtet), auf der anderen Seite gebricht es der Handlung um J.s Rekordversuch doch ein bisschen an Triftigkeit und Spannung. Es mag ja beabsichtigt sein, aber die Suche nach dem Urheber der Liste oder die sich anspinnende Affäre J.s mit der Tochter eines manischen Henry-Memorabilien-Sammlers, schließlich das Schussattentat am Höhepunkt der Feiern - all das dürfte nicht so pointen- und überraschungslos zu Ende gehen.

Wo die erzählerische Verve immer wieder gebremst wird, da finden sich in dem - mit seinen gelegentlichen manierierten Vergleichen auch stilistisch etwas überambitionierten - Roman doch auch ganz wunderbare Passagen und Details: die Geschichte des jüdischen Songschreibers, der für ein paar Dollar die Ballade von John Henry komponiert; die der wohlbehüteten Jennifer, deren integrationswütige Eltern ihr die "Gossenmusik" verbieten und das Kaugummikauen (weil man davon "lippus maximus" und ergo dicke Negerlippen bekomme); oder die Geschichte des Ehekriegs im Hause Miggs, der so spannend und brutal ist wie das Match Briefmarkensammeln versus Tupperwareparty. Sie alle machen "John Henry Days", mit dem es der Autor in die Finalrunde zum Pulitzer Prize schaffte, zu einem lesenswerten Roman. Keine Frage, man wird Colson Whitehead im Auge behalten müssen. Der Verdacht, dass sein "definitiver" Roman noch aussteht, ist ein Versprechen.

Klaus Nüchtern in FALTER 8/2004



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