Sultan und Kotzbrocken

Sybille Hein, Claudia Schreiber


Ab einem gewissen Alter wird's offenbar schwer, einfach bloß die bedeutendste Popkünstlerin der Welt zu sein. Klarer Fall für ein Kinderbuch, hat sich Madonna gedacht und schnell ein paar geschrieben. Die werden von jeweils jemand anderem illustriert und erscheinen im Halbjahrestakt in dreißig Sprachen, hundert Ländern und Millionenauflagen. Nach den "Englischen Rosen" ist nun "Mister Peabodys Äpfel" herausgekommen, eine moralingesättigte Parabel über die Fragwürdigkeit vorschneller Urteile, die von Loren Long mit restaurativen Bildern eines zeitlosen, ruralen Amerika ausgestattet wurde: Zwar fahren die Buben Skateboard, aber Happyville (!) sieht aus wie aus den Vierziger- oder Fünfzigerjahren.

Solange der Verlag mit solchen Elaboraten auch Bücher wie "Sultan und Kotzbrocken" finanziert, soll es uns recht sein. Schon allein der Titel ist witziger als Madonnas Gesamtschaffen auf diesem Sektor, und Claudia Schreiber (Text) und Sybille Hein (Bild) erzählen sogar eine richtige Geschichte. Sie handelt von einem Sultan, der ein "großer Meister mit schwarzem Gürtel im Überhauptnichtstun" ist; bis der frisch rekrutierte Diener Kotzbrocken kommt, um ihn auf seinen, von allen ungefähr hundert Frauen akkumulierten Kissenberg raufseilzuwinden - was verlässlich mit einem Sturz auf den sultanlichen Popo endet. Auf diese Weise wird der Sultan nach und nach aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit befördert - und das ist nicht nur für den Sultan, sondern auch für die Leser dieser klugen, poetischen und mit viel Sprachwitz ausgestatteten Geschichte ein echtes Vergnügen.

Klaus Nüchtern in FALTER 8/2004



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