Bis uns Hören und Sehen vergeht. Stolpersteine auf dem Weg zu einer neuen Medienwirklichkeit

Manfred Jochum


Der ehemalige ORF-Hörfunkintendant Manfred Jochum präsentiert am Freitag eine Sammlung medienkritischer Essays. Ein Gespräch über politische Interventionen, den Kampf um die Quote und den Medienkonsum seiner jüngsten Tochter.

Bis uns Hören und Sehen vergehen. Der Titel von Manfred Jochums neuem Buch nimmt vorweg, dass der ehemalige Chef des ORF-Hörfunks dem Zustand der Medien und ihrer Zukunft eher skeptisch gegenübersteht. Die Essays des 61-Jährigen, der mehr als ein Vierteljahrhundert im Funkhaus in der Argentinierstraße tätig war, kreisen um grundsätzliche Fragen unserer Mediengesellschaft: Wie umgehen mit der Informationsexplosion? Was tun im Konflikt zwischen Bildungsauftrag und Quotendruck? Der anerkannte Radiomacher, der 2002 aus politischen Gründen den ORF vorzeitig verließ, ist dabei gewiss kein Medienapokalyptiker. Doch weder die aktuellen Entwicklungen im ORF noch der Kampf um die Quote stimmen Jochum allzu zukunftsfroh.

Falter: Der Grünen-Chef Alexander Van der Bellen, in seiner Wortwahl sonst eher zurückhaltend, hat kürzlich im "Standard" gemeint, dass die ÖVP den ORF unterwerfe. Sehen Sie das auch so?

Manfred Jochum: Klar ist, dass das ORF-Gesetz in seiner heutigen Form eine politische Entscheidung war. Das System des damaligen Generalintendanten Gerhard Weis musste eliminiert werden - und offenbar habe auch ich zu diesem System gehört.

Falter: Hatten Sie in Ihrer Zeit als Hörfunkintendant mit Interventionen zu kämpfen?

Manfred Jochum: Ja, die waren im Radio aber sicher geringer als im Fernsehen. Doch es gab natürlich solche Versuche - und zwar von der ÖVP, der SPÖ und der FPÖ, nicht jedoch von den Grünen. Für mich war das damals im Bereich des noch Tolerablen, nachdem ich mir diese Dinge nicht aufs Auge drücken habe lassen. Aber vielleicht war das letztlich auch das, was mir geschadet hat.

Falter: Sind die Interventionen jetzt erfolgreicher?

Manfred Jochum: Es ist halt immer die Frage, inwieweit die Redakteure die Schere im Kopf haben, weil sie befürchten müssen, dass es wieder eine Intervention geben könnte. Das ist ja für den betreffenden Journalisten nicht nur unangenehm, sondern auch sehr zeitaufwendig. Denn selbst wenn man völlig im Recht ist, versitzt man einen Tag, um Bänder abzuschreiben und durch drei oder vier Instanzen zu gehen und zu argumentieren. An diesen Versuchen der Beeinflussung wird sich wohl auch kaum etwas ändern, denn seitens der Politik wird man immer den Wunsch nach Zugriff auf den ORF haben.

Falter: Sehen Sie - wie viele andere Beobachter auch - konkrete Auswirkungen etwa auf die Informationssendungen des ORF?

Manfred Jochum: Vor Jahren versicherten mir deutsche Kollegen immer wieder, dass sie sich selbstverständlich die Nachrichten im ORF ansehen würden. Ich muss gestehen, dass das heute nicht mehr so ist. Tatsächlich kriegt man heute in anderen Sendern einfach mehr Hintergrundinformation geliefert. Und auch für mich sind die Zeiten längst vorbei, als ich unbedingt die "ZiB 1" oder "ZiB 2" sehen wollte. Wenn ich das "Abendjournal" im Radio gehört hab, brauche ich keine "ZiB 1" mehr.

Falter: Zu Beginn dieses Jahres wurden Hunderte bisher freie ORF-Mitarbeiter bei Radio, Fernsehen und den Onlinediensten angestellt. Wird sich dadurch am Programm etwas verändern?

Manfred Jochum: Ich halte die getroffene Lösung für nicht unproblematisch. Medien leben ja vom kreativen Potenzial ihrer Mitarbeiter. Wenn man die aber, wie nun beim ORF geschehen, vielfach durch bloß siebzig- oder achtzigprozentige Anstellung demotiviert, dann wird sich das negativ auf die Qualität auswirken. Außerdem ist die Arbeit für den ORF nun zu einem closed shop geworden. Junge Leute, die einfach nur gute Ideen haben, aber noch keine journalistische Erfahrung, werden in Hinkunft kaum mehr eine Chance haben, in den ORF hineinzukommen.

Falter: Gibt es in Ihren Augen eigentlich eine geglückte Lösung für das Verhältnis zwischen einer öffentlich-rechtlichen Anstalt und der Politik?

Manfred Jochum: Das große Vorbild war natürlich immer die BBC. In den letzten Wochen hat sich rund um die Kelly-Affäre allerdings gezeigt, dass auch die großen Vorbilder fehlbar sind.

Falter: Wie schätzen Sie den ORF im Vergleich zu anderen Sendeanstalten in Europa ein?

Manfred Jochum: Der ORF hat das Problem, zugleich zu groß und zu klein zu sein. National ist er zu groß - man denke nur an die ganzen Landesstudios. Im internationalen Konzert der Medienmultis ist er hingegen ein Winzling. Das trifft das Fernsehen sehr viel stärker als das Radio.

Falter: Der französische Soziologie Pierre Bourdieu hat in seinem Essay über das Fernsehen gemeint, dass es eine Gefahr für das politische und demokratische Leben darstellt. Können Sie sich dem anschließen?

Manfred Jochum: Ja. Es ist in dem Zusammenhang ja interessant, dass nach 1945 die Installierung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens in Österreich von den Alliierten auch als politische Reeducation geplant war. In der Zwischenzeit hat sich aber eindeutig herausgestellt, dass das Fernsehen kein Bildungsmedium ist. Es versammelt einfach möglichst viele Menschen vor dem Bildschirm - und da beginnt die Konkurrenz unter den Kanälen.

Falter: Wie weit müssen sich die öffentlich-rechtlichen Sender dabei den privaten angleichen?

Manfred Jochum: Natürlich steht das öffentlich-rechtliche Fernsehen ebenso im Kampf um die Quote wie private. Dabei zeigt sich bedauerlicherweise, dass mitunter der größte Dreck die meisten Seher hat, was wiederum auf den schlechten Geschmack der Bevölkerung schließen lässt. Die Qualitätsfrage dreht sich in diesem Punkt im Kreis: Soll eine öffentlich-rechtliche Anstalt diesen Schrott bringen oder bewusst darauf verzichten? Wenn sie darauf verzichtet, ist klar, dass es damit auch auf Publikum verzichtet.

Falter: Gibt es einen Ausweg aus diesem Dilemma?

Manfred Jochum: Meines Erachtens müssten sich öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten national, aber auch international auf einen Qualitätsbegriff einigen und dann halt sagen, dass sie bestimmte Sachen nicht ausstrahlen. Aber ich bin in dieser Beziehung kein Optimist.

Falter: Sie haben Ihr Buch Ihren drei Kindern gewidmet. Was sehen und hören denn eigentlich die?

Manfred Jochum: Meine beiden erwachsenen Kinder hören Ö3 und schauen ein wenig fern. Dazu kommt beim Sohn eine relativ differenzierte Zeitungslektüre. Meine elfjährige Tochter hingegen ist eine exzessive Leserin und hört ebenfalls - zum Leidwesen des Vaters - Ö3, wenn sie Radio hört. Anstelle des Fernsehens bevorzugt sie allerdings interaktive CD-ROMs, weil man, wie sie mir einmal gesagt hat, "mit dem Fernsehen nichts machen kann außer reinschauen".

Klaus Taschwer in FALTER 8/2004



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