Das Gutruf. Ein Hinterzimmer wird 100

Peter Allmayer-Beck, Thaddäus Podgorski, Herbert Völker


Besenkammerschauspiel

Dämmerlicht und Zwielicht im Hinterzimmer: Die Innenstadtinstitution Gutruf wird hundert.

Ein Meter, und das Gutruf wäre in aller Welt bekannt. Sieben Tage die Woche schlängelt sich vom Petersplatz her der Tross der Fiaker durch die Milchgasse. Auf einer bestimmten Höhe, Milchgasse 1, weisen die Pferdelenker mechanisch auf eine steinerne Hinweistafel. Worte auf Wienerisch sind zu vernehmen: "Mozart", "Entführung aus dem Serail", "1781". Geschichtslektion absolviert. Touristen nicken artig.

Gleich links vom Eingang des Hauses, in dem Mozart komponierte, befindet sich, nicht beachtet von Wien-Besuchern und also vergessen von der Welt, das Gutruf. Die großzügig dimensionierte Besenkammer von Lokal, bestehend aus einem finsteren Vorraum und einem noch finsteren Hinterzimmer, ist dennoch allbekannt. In den Köpfen der Stammgäste gelten die Worte "weltberühmt" und "Gutruf" als Synonyme. Sehr viel Mythos, so die einhellige Meinung, stecke in diesen Mauern. Im Zusammenhang mit der 1906 eröffneten Innenstadtlokalität, die sich während der vergangenen hundert Jahre vom Delikatessengeschäft in einen Café-Restaurant-Betrieb mit asiatisch-österreichischer Küche verwandelte, ist dieser Tage viel von "Phänomen", von "Institution" zu lesen. In Artikeln wird an die prominenten Stammgäste erinnert: an Bildhauer Fritz Wotruba etwa, die Literaten H.C. Artmann und Reinhard Priessnitz, den Galeristen und Gastronomen Kurt Kalb. Oder an den Schauspieler, Kabarettisten und durch seinen Tod 1986 zum allgeliebten Original aufgestiegenen Helmut Qualtinger, die Zentralsonne des Gutruf.

Unter Qualtinger erlebte das Lokal seine Glanzzeit. An ungezählten Nachmittagen, die gewöhnlich in die tiefe Nacht hinein verlängert wurden, trieb der Koloss samt seiner Entourage seine Spiele: Leute verärgern, Geschichten erfinden, Gerüchte in die Welt setzen, Skandälchen anzetteln. Kleine Bühne, großes Besenkammerschauspiel. In guter Gutruf-Manier entzieht sich der kürzlich von drei Gutrufianern - Verleger Peter Allmayer-Beck, Journalist Herbert Völker und Ex-ORF-Generaldirektor und Schauspieler Thaddäus Podgorski - vorgelegte Bild-und Textband "Das Gutruf" selbstverständlich dem allgemeinen Erinnerungstaumel; das Buch versammelt neben Fotos von Franz Hubmann und Gino Molin-Pradel 38 unverklärte Ansichten von Zeitzeugen. Allen Autoren und Fotografen ist gemein, dass sie eines unheilvollen Tages in den Sog des Gutruf gerieten.

Sentimental ist Podgorski, Jahrgang 1935, derzeit keine Sekunde gestimmt. "Objektiv betrachtet ist das Gutruf die Sorte Lokal, die mir grenzenlos auf die Nerven geht. Es gibt kaum Platz, es rennt ein seltsamer Schmäh, jedem Eindringling und Neuankömmling wird signalisiert, dass er immens störe", sagt Podgorski, im Gutruf nicht einfach sitzend, sondern thronend. "Wenn man aber selbst ein Platzhirsch ist, hat man natürlich eine andere Sichtweise."

Eine Anekdote gönnt sich der Buchherausgeber. Es geschah, dass sich das Gutruf-Innenleben einstens nach außen stülpte und den Wahnwitz, den schönen Irrsinn an Orte wie das Landesgericht trug. Podgorski wurde seinerzeit etwa sechs Stunden lang während des Lucona-Ausschusses vor Gericht befragt; ein Staatsanwalt nahm den damaligen ORF-Generaldirektor ins Kreuzverhör. Ob es denn, so der Ankläger, den Tatsachen entspreche, dass Drahtzieher Udo Proksch im Gutruf, in aller Öffentlichkeit, Podgorski innerhalb der Proksch'schen Geheimorganisation vom General zum Admiral degradiert habe? "Nein, Herr Staatsanwalt", entgegnete der TV-Journalist, "das ist eine infame Lüge. Ich bekleide nach wie vor das Amt des Generals." Lachen der Marke Gutruf im Gerichtssaal.

Wolfgang Paterno in FALTER 50/2006



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