Die neuen Spießer. Von der fatalen Sehnsucht nach einer überholten...

Christian Rickens


Schöne Sitten

Ist die Spießigkeit die ultimative Coolness? Unsinn, sagt Autor Christian Rickens in seinem feinen Konterpamphlet zur neuen Bürgerlichkeit.

Was hat die neuentdeckte Unterschicht mit der Krise des Rentensystems, die Islamphobie mit den 68ern zu tun? Christian Rickens weiß es: Eine neue Spießigkeit färbt die Diskurse ein - all das Gerede über Werteverfall, die Faulheit der Verlierer, die demografische Krise, den "Gebärstreik" der Frauen, die Anpassungsunwilligkeit der Migranten und natürlich über die Sechzigerjahre-Revolten, die an all dem schuld seien. Rickens ist im Brotberuf Redakteur beim deutschen Manager-Magazin, wo eine hohe Spießerdichte vorausgesetzt werden darf, mithin also eine Kapazität in Spießerfragen.

Die neuen Spießer, die Rickens ausmacht, gibt es in unterschiedlichen Ausprägungen: als stramme Konservative, die sich wieder trauen ("endlich kann man es sagen ..."), aber auch als einst rebellische Fortysomethings, die die schöne Seite der Gesittetheit entdecken. Mit Witz und polemischer Verve hält Rickens dagegen, vor allem aber mit dem, was die Apologeten der neuen Bürgerlichkeit nicht sonderlich schätzen - mit Fakten und Logik. Dass sich Rickens vor allem den bundesdeutschen Diskurs vorknöpft, macht sein Buch für hiesige Leser keineswegs unergiebig, schließlich unterscheidet sich der Jargon von FAZ und Christenunion kaum von dem, was zwischen Presse, Stenzelzone und der Politischen Akademie der ÖVP längst wieder zum guten Ton gehört.

Vor zwanzig Jahren, als sich in unseren Breiten die Geißel Arbeitslosigkeit gerade wieder ausbreitete, sah man in Menschen ohne Job noch Leute, "die um ihre Arbeit gebracht" worden waren, die unsere Solidarität verdienen. Heute werden sie immer öfter als Menschen beschrieben, die etwas bekommen, was ihnen eigentlich nicht zusteht (staatliche Unterstützung nämlich), die "an ihrem Schicksal nicht nur selbst schuld" seien, sondern "auch noch ein Ärgernis für die restliche Gesellschaft (Alkoholfahnen, schlechte Manieren)". Rickens: "Vom Opfer zum Schuldigen in gut zwanzig Jahren. Was für eine paradoxe Karriere der deutschen Arbeitslosen! War es bei einer Million Arbeitslosen nicht viel wahrscheinlicher, dass die wenigen Betroffenen eine gewisse Mitschuld an ihrem Schicksal trifft als bei vier Millionen?"

Unterschicht, so Rickens, gab es früher auch: Nur gab es seinerzeit auch für gering Qualifizierte noch Arbeit, und selbst wer in zerrütteten Verhältnissen lebte, hatte meist noch eine Stelle, die seinem Leben Struktur gab. All die pathologischen Symptome wie Antriebslosigkeit, Alkoholismus dagegen, die die neuen Spießer der neuen Unterschicht zuschreiben, seien "in erster Linie Folge der Arbeitslosigkeit", so Rickens, "und höchstens im zweiten Schritt ihre Ursache".

Dass der bindungslose Individualismus an der demografischen Krise schuld sei - Unsinn! Schließlich war der schärfste Einbruch in den Geburtenraten in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts zu verzeichnen und nicht nach dem berühmten Pillenknick. Das heißt nicht, dass kluge Maßnahmen Familien nicht erleichtern sollen, mehr Kinder zu bekommen - zumal es an geschwundener Kinderliebe gewiss nicht liegt. Im Jahr 2002 verbrachten Kinder unter sechs Jahren im Schnitt pro Tag sechs Stunden und fünfzig Minuten bei gemeinsamen Aktivitäten mit Vati und/oder Mutti. Zehn Jahre zuvor waren es nur sechs Stunden und zwei Minuten.

Gerade weil es die neuen Spießer von Peter Hahne bis Frank Schirrmacher so gedreht haben, dass heute oft die Spießigkeit als die neue Coolness erscheint, ist Rickens feines Konterpamphlet erfrischend. Fraglich freilich, ob man den Typen mit Logik beikommt.

Robert Misik in FALTER 50/2006



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