Zwei Papas für Tango

Edith Schreiber-Wicke


Gut sein ist böse!

Zum Fest der Liebe: schöne und ausgefallene Kinderbücher zum Thema. Aber: Nicht alle sind Vatikan-kompatibel.

Je länger der Dezember dauert, umso öfter wird sie beschworen: die Liebe, in der Vorweihnachtszeit gern verwechselt mit Großzügigkeit, Mitleid und schlechtem Gewissen.

Das muss nicht sein: Unter den Kinder-und Jugendbüchern dieses Herbstes funkeln einige Exemplare, in denen die Liebe ein starkes, großartiges Gefühl ist, beladen mit Hoffnung, belastet mit Angst. Schenken Sie Ihren oder anderen Kindern wahre Liebe!

Dass Brutpflege bei Pinguinen Männersache ist, weiß man nicht nur im New Yorker Zoo. Dass zwei Pinguinmännchen sich so liebhaben, dass sie nach ihrer Trennung in den Hungerstreik treten, ist seltener. Dass die beiden dann ein original Pinguinei ausbrüten und daraus tatsächlich ein Baby-Pinguin schlüpft, das gab es nur in New York. Ein Baby mit zwei Vätern - daraus musste einfach ein Bilderbuch entstehen. "Zwei Papas für Tango" zeigt in einer einfachen Geschichte, dass es in einer Familie nicht auf die Besetzung ankommt, sondern auf den Zusammenhalt. Ein feines Geschenk für Benedikt XVI. und Kinder ab drei.

Haustiere sind der häufigste unerfüllte Weihnachtswunsch. Hier ist eine Ersatzdroge: "Wundermeerschwein rettet die Welt" ist ausschließlich mit Haustieren besetzt. Das Meerschwein Burito betet den Fernsehhelden "Wundermeerschwein" an. Seine Freunde, ein Hund, ein Fisch und ein Kanarienvogel grinsen nur, wenn Burito von seinem Superhelden schwärmt. Erst in Todesgefahr erkennt Burito, dass die Superhelden im Fernsehen bleiben und nicht helfen können. Zum Glück sind da noch seine Freunde Augenzwinkernde Abrechnung mit dem Superhelden-Kult. Illustratorin Nina Spranger lässt Bilder und Weißraum perfekt zusammenwirken - eine Entdeckung!

Liebe ist eine fatale Macht. Zuneigung macht unfrei. Gut sein ist böse. Das ist die Welt, in die Tom hineingestoßen wird. Tom, der sein "Volk" verlassen muss, weil seine Eltern ihn töten wollen, landet im Reich der Dämonen. Dort versucht ein kleiner Dämon namens Anna seine Zuneigung zu gewinnen, und das macht Tom Angst. "Die Dämonen schauten ihn dauernd an und redeten und versuchten, in seine Gedanken einzudringen, damit sie Besitz von ihm ergreifen konnten. Er hasste sie." Denn Tom ist ein Elf, und die Dämonen sind Menschen. "Elfenhauch" stellt das Miteinander als einzige große Panikattacke dar - für jeden, der kein Mensch ist. Ganz kann sich Tom aber Anna nicht entziehen, und der Showdown führt zu einem überraschenden Kompromiss. Tom bleibt ebenso gefesselt zurück wie der Leser. Woher hat die Engländerin Sally Prue die Fähigkeit, sich eine Welt frei von Empathie vorzustellen? Sally, are you human?

Liam ist Luna, und hier ist der erste Trans-Roman für Jugendliche. Liam ist supergescheit, hübsch und beliebt, aber nur seine Schwester Regan kennt sein Geheimnis: Nachts zieht Liam Mädchenkleider an und spielt mit Puppen. Nachts wird aus Liam das Mädchen Luna, und stückweise outet er sich auch am Tag, zuerst vor der Familie, dann in der Öffentlichkeit. Der Leser leidet mit Luna, noch mehr aber mit seiner Schwester Regan, die neben dem Megaproblem des Bruders unterzugehen droht. Dass Liam-Luna für 18-Jährige eher untypische Stereotypen zelebriert (Gucci-Täschchen, teure Parfums, Sportwagen), ist zwar kaum glaubwürdig, sorgt aber für ein gewisses Flair. Das Finale stellt dem Möchte-Mädchen eine Zukunft in Aussicht - nach vielen Tränen und vielmaligem "Ich dich auch". Weniger wäre intensiver gewesen. Trotzdem schön.

Jürgen Banscherus, deutscher Serienautor ("Kwiatkowski"), hat eine Schwäche für das Alter. Nach zwei Romanen mit einem Tresorknacker-Opa als Helden kommt jetzt "Bis Sansibar und weiter". Eine Liebesgeschichte, die aufhört, als sie gerade anfängt. Zwei eigenwillige Teenager, die sich ignorieren, beschimpfen, schlagen. Bis Marius von Lindas Wunsch, nach Sansibar zu reisen, erfährt und sich allen Ernstes nach einem Schiff umsieht. Trotzdem müssen erst die depressive Mutter und ein schwerkranker Kapitän tätig werden, damit Marius und Linda erkennen, was sie aneinander haben. Fast zu spät - Fortsetzung folgt?

Das Leben selbst und den ganzen (Un-)Sinn darin schultert der 31-jährige Australier Markus Zusak in seinem zweiten Roman "Der Joker". Ed ist 18, fährt Taxi, und sonst: null Perspektive. Ed liebt Audrey: "Audrey, die schon mit einer Unmenge Männern Sex hatte, aber noch nie mit mir. Sie sagt immer, dass sie mich zu sehr mag, um es mit mir zu machen." Ed hat also gute Gründe, fertig zu sein, bis Bewegung in sein Leben kommt. Jemand schickt ihm Spielkarten zu, jede mit dem Auftrag, eine Adresse aufzusuchen. Gleich die erste konfrontiert ihn mit einer Vergewaltigung. Ed spürt: Jemand erwartet, dass er eingreift. Er lässt sich darauf ein, und langsam, ganz langsam wird aus Ed ein Mann des Mitgefühls, ein Mann der Tat. Das fällt selbst Audrey auf Beeindruckende Parabel über Chancen und Fallen des Lebens. Die stärkste Szene, eine Messe in einer vollbesetzten Kirche, hat so viel Atmosphäre, dass man fast selbst einmal eine aufsuchen möchte. Aber nur fast.

Wem das zu viel Gefühl ist, der soll sich den "Kinder Brockhaus Experimente" ansehen. Ein Versuch pro Doppelseite - eine schöne Beschäftigung für die Feiertage. Und ehrlich: Könnten Sie aus dem Stand erklären, warum ein Flugzeug fliegt, wie Backpulver wirkt und wie man mit einem Sieb Wasser schöpft? Auch wenn Sie das gar nicht interessiert - die Kinder werden's wissen wollen. Garantiert.

Thomas Aistleitner in FALTER 50/2006



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