Tür an Tür mit einem anderen Leben. 350 neue Geschichten

Alexander Kluge


Ungeahnte Kräfte

Handliche Geschichten als veritabler Wälzer: Alexander Kluge spinnt mit "Tür an Tür mit einem anderen Leben" sein Erzählwerk fort.

Die vorgeblich stillste Zeit im Jahr lässt sich, innere Stärke und eine etwas tolerante Umgebung vorausgesetzt, gut zum Lesen nützen. Wer hat sich nicht schon einmal vorgenommen, den einen oder anderen total spannenden, aber seit Monaten unberührten Ziegel über Weihnachten zu Ende zu lesen? Manch einem soll es zwischen besinnlichen Ess-und Trinkgelagen sogar geglückt sein.

Die Prosabände von Alexander Kluge sind dicke Wälzer und gehören zu der Kategorie Bücher, die auf vielen Nachtkästchen - aufgeschlagen auf Seite 23 - überwintern, ehe sie irgendwann im Regal verschwinden. Das muss nicht sein. Mit seinen 646 Seiten ist Kluges jüngstes Erzählwerk, "Tür an Tür mit einem anderen Leben" im Vergleich etwa zu Thomas Pynchons dieser Tage vieldiskutiertem neuem Roman "Against The Day" (1085 Seiten im dichtbedruckten englischsprachigen Original) zum einen vergleichsweise schmal geraten, zum anderen hat die Prosa des deutschen Filmemachers, Fernsehmachers und Autors gegenüber handelsüblichen Romanen auch zwei kategorische Vorteile: Erstens kann man sie an jeder beliebigen Stelle aufschlagen und die Lektüre fortsetzen, und zweitens sind Kluges Geschichten mit durchschnittlich eineinhalb Seiten so handlich dimensioniert, dass sie auch für den kleinen Hunger zwischendurch geeignet sind.

Vor allem aber erkennt man bei der Lektüre schnell, dass Kluge zu Unrecht als übertrieben komplizierter Autor gilt. Seine erzählerische Neugierde zieht sich zwar von den Naturwissenschaften über die Eisenbahn, den Zirkus, die beiden Weltkriege, das gegenwärtige China und die Erde vor Millionen Jahren quer durch sämtliche Wissensgebiete, Zeit und Raum. Er reicht jedoch dem Leser immer wieder helfend die Hand und versteht es, diesen ebenso neugierig zu machen.

Als Motto könnte dem Buch folgender Satz aus ihm selbst dienen: "In einer Welt der Abstiege und des Mangels entwickeln Menschen ungeahnte Kräfte, sich den Marotten des Schicksals zu widersetzen." Ob es eine Familie in Schanghai ist, die vom Verkauf von Elektromüll lebt, oder eine französische Studentin, die sich stundenweise unter falschem Namen den Luxus nobler Hotels leistet: Sie alle suchen immer weiter nach Glück. Kluge führt diesen "Hoffnungsvorrat", den jeder Mensch in sich trägt, auf die sogenannte erste Globalisierung zurück, als sich vor 630 Millionen Jahren die Erde - damals "snowball-earth" - zu erwärmen begann. Der Wahnsinn der Gegenwart wirkt vor einem derartigen Zeithorizont vergleichsweise nichtig.

Anregende Gedankengänge ziehen sich durch das ganze Buch. Kluge denkt über den beträchtlichen "Zeitbedarf von Revolutionen" nach, über den poetischen Wert der wissenschaftlichen Erkenntnis, dass das im Herbst von den Bäumen fallende Laub die Erdrotation um einen messbaren Wert beschleunigt, und über Außerirdische, die vielleicht schon im Weißen Haus waren.

Alexander Kluges Bücher sind Parallelwelten, Räume, in denen man sich für einen bestimmten Zeitraum einrichten kann und aus denen der unnachahmliche Kluge-Sound tönt, wie er aus den TV-Programmen des 69-Jährigen bekannt ist: "Von ,rosenfingriger Morgenröte' kann im Irak nicht gesprochen werden. Steil und hell erhebt sich über braunem Boden das Himmelsgestirn, und man kann von Glück sagen, wenn an diesem Morgen nicht geschossen wird."

Morgenröte im Irak, auch das ist Poesie.

Am Ende wird es sogar ein wenig sentimental, wenn der Autor, befragt von seinem Kollegen Martin Walser, den verblüffenden Grund für sein Schreiben preisgibt - die Scheidung der Eltern vor mehr als sechzig Jahren: "Es ist ja wahr, dass alles, was ich empfinde oder denke, darum kreist, die beiden Elternteile erneut zusammenzubringen. Alle Forschung nach einer Parallelwelt oder der Konzession eines zweiten Lebens kreist um die Möglichkeit der Wiederherstellung dieses ,Bundes', der verwirrenderweise kein Bund war, aber einer hätte sein sollen."

Sebastian Fasthuber in FALTER 50/2006



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