Älter werden. Notizen

Silvia Bovenschen


Liebe, Sex, Tod - und der ganze Rest

In ihrem wunderbaren, auf ebenso persönliche wie diskrete Weise von humaner Hinfälligkeit handelnden Buch "Älter werden" widmet Silvia Bovenschen (siehe Interview auf dieser Seite) eine ihrer "Notizen" auch dem "Runzelsex" - nicht ohne "so darf man das nicht nennen!" hinzuzufügen. Allerdings gesteht die Autorin, dass in Sachen Sex im Greisenalter "zwischen meiner gesellschaftspolitischen Liberalität und meiner ästhetischen Belastbarkeit" ein unlösbarer Widerspruch bestehe.

Man ist geneigt, diesen klugen Beobachtungen, die stilistisch gerade in ihrer legeren, nicht krampfhaft um Brillanz bemühten Art bestechen, so etwas wie "Altersweisheit" zu konzedieren - würde von diesem Wort nicht ein etwas fader Keksgeruch ausgehen; und würde nicht die Autorin selbst massive Skepsis gegen diese sentimentale Sicht aufs Älterwerden mobilisieren. Am Ende ist es wohl keine Frage der Jahre, sondern von geistiger Genauigkeit und Herzensbildung: weswegen auch - wie Bovenschen in einer schönen Reflexion über renegate 68er schreibt - die immergleichen Leute das Maul aufreißen und selbst durch vorgebliche Einsicht in eigene Irrtümer "von apodiktischen Tönen" nicht geheilt werden.

Literatur, hat jemand mal gemeint, habe nur drei Themen: die Liebe, den Tod und den Hunger - und zur Not könne man eins davon auch weglassen. In der Tat hat sich die Hungerliteratur nach Hamsun nicht gerade zu neuer Hochblüte entwickelt, wohingegen auf den anderen beiden Gebieten Dauerkonjunktur herrscht.

Ein beliebtes Love & Death-oder eher: Sex & Death-Genre ist der Dirty-Old-Man-Roman, dessen Meister, Philip Roth, mit "Jedermann" (Falter 33/06) heuer ein weiteres überzeugendes Exemplar aus der Abteilung Herzinfarkt & Analverkehr geliefert hat. Roths um sechs Jahre älterer Kollege Martin Walser hat für Angstblüte" zwar ein völlig anderes Milieu, aber eine ganz ähnliche Konstellation gewählt: "Auch die zweiten Frauen kommen in die Jahre", bemerkt dort einer und erhält von einem Freund die Antwort: "Aber die dritten nicht." Was dann meist stimmt, weil davor - wie bei Roth - die Männer sterben. Karl von Kahn, der vor allem von langfristigen Investmentplänen lebt, die er an die Generation 70plus verkauft, der er selber angehört, vergeigt seine Ehe, indem er eine Affäre mit einer um vieles jüngeren Schauspielerin beginnt. Allen außer Kahn, vor allem dem Leser, ist klar, dass es dabei nur darum geht, dem Investmentberater Geld zur Finanzierung eines Films aus dem Kreuz zu leiern, aber gerade in der erzählerischen Loyalität gegenüber dem an der Nase respektive am Schwanz herumgeführten Protagonisten liegt das literarische Verdienst dieses Romans. Keine moralisierende oder satirische Distanz mildert den schonungslosen Blick auf die erotischen Anstrengungen und peinlichen Verausgabungen eines alten Mannes, der sich - bei allem Selbstbetrug - doch auch einigermaßen illusionslos mustert: "Ob sie Karls linkes Bein entdeckt hatte? Das war zehn Jahre älter als er. Die Innenseite sah aus wie eine verwaschene weißblaue Bayernflagge. Ein Gorgonzolagelände. Er hoffte, es sei ihm gelungen, dieses Adernelend vor Joni zu verbergen."

9"Ich hätte ein Tagebuch führen sollen. Mein Tagebuch des Jahrs der Plagen", meint der Ich-Erzähler von "Die See", mit dem der irische Schriftsteller und Literaturkritiker John Banville sich im Vorjahr im Rennen um den Booker Prize gegen Kollegen wie Julian Barnes, Ian McEwan oder Kazuo Ishiguro durchgesetzt hat. Zu Recht, denn dieses irritierend sprachmächtige und bilderreiche Buch über, nun ja, eigentlich alles: die Liebe, den Tod, das Begehren, die Erinnerung, Identität , ist gewiss einer der raffiniertesten und ästhetisch überzeugendsten Romane der Saison.

Dabei ist dieses hochelaborierte und ständig an der Grenze zur intellektuellen Bramarbasiererei balancierende Buch trotz seines geringen Umfangs nicht so ohne weiters wegzulesen: Der Reflexions-und Erinnerungsstrom, mit dem der mäßig sympathische Ich-Erzähler, der Kunsthistoriker Max Morden, den Krebstod seiner Frau Anna "verarbeitet", weist schon sprachlich eine gewisse Viskosität auf: Hoher Ton und Beschreibungsfetischismus (die Palette reicht etwa von "affen-" und "rehbraun" über "korkbraun", "sackbraun" und "torfbraun" bis zu "schuhcremebraun") gehen eine eigenartige Allianz ein. Das Verstörende an "Die See" aber ist, dass nicht die verstorbene Frau im Zentrum der Erzählung steht, sondern die Kindheitserinnerungen an einen Sommer, den Morden in demselben Ort verbracht hat, an den er nun wieder zurückgekehrt ist. Er hat ihn vor allen mit den Graces verbracht, hat sein aufkeimendes, oder besser: explodierendes erotisches Interesse von der Mutter auf die Tochter verlegt, wurde Zeuge eines zweifachen tragisch frühen Todes und einer amourösen Verstrickung, die er auf fatale Weise missinterpretiert.

All das ist freilich zu Beginn noch kaum zu ahnen - auch wenn hier kein Motiv ohne Folgen angeschlagen und keine Nebenfigur eingeführt wird, die nicht später noch einen großen Auftritt bekäme. "Die See" ist sozusagen ein Roman mit Zeitzünder, dessen Explosion den Leser schließlich umso heftiger erschüttert, mit anderen Worten: ein Meisterwerk.Geraten Bovenschen ganz unterschiedliche Themen und Bereiche in den Blick, so konzentriert sich die amerikanische Schriftstellerin und Journalistin Joan Didion in ihrem Buch "Das Jahr magischen Denkens ganz auf den schon im Titel benannten Zeitraum: Am 30. Dezember 2003 stirbt ihr Mann John Gregory Dunne an den Folgen einer 95-prozentigen Stenose beider Herzkranzarterien; zu diesem Zeitpunkt liegt die gemeinsame Tochter Quintana seit fünf Tagen mit Lungenentzündung und septischem Schock auf der Intensivstation. Am 15. Jänner 2004 berichtet Didion der von der Beatmungsmaschine genommenen Tochter vom Tod des Vaters. Am 25. März erleidet diese - mittlerweile aus dem Spital entlassen - eine schwere Gehirnblutung und muss sich einer lebensbedrohlichen Notoperation unterziehen.

"Das Jahr magischen Denkens" ist ein erschütterndes und erschütternd klarsichtiges Buch, das just vom Verlust der eigenen Klarheit handelt. In einem wahren Kraftakt der Selbstbeobachtung erzählt Didion davon, wie das, was gerne und meist ziemlich schlampig als "Verdrängung" apostrophiert wird, tatsächlich funktioniert: wie die vom Verlust des Mannes, mit dem sie vierzig Jahre lang verheiratet war, Getroffene und vom Verlust der Tochter Bedrohte in ein magisches Denken ausweicht, um die Einsicht in die Endgültigkeit ihres Verlusts auf scheinbar logische Weise zu umgehen. Nach Beendung des Buches verstarb dann auch noch Tochter Quintana.

Klaus Nüchtern in FALTER 50/2006



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