Reading Six Feet Under

Kim Akass, Janet McCabe


Larger Than Life

"Six Feet Under" hat die Fernsehgeschichte verändert und liegt nun auch als DVD-Box komplett vor. Eine Ermunterung zur Lektüre.

"All we have is now."

The Flaming Lips

An einem Aprilabend dieses Jahres saß ich auf meinem Sofa und weinte. Ich heulte Rotz und Wasser. Nun bin ich ein bisschen nah am Wasser gebaut, und Geschluchze vor der Leinwand oder dem Fernsehschirm sind mir nicht fremd. Auch "A Perfect World" oder "The Bridges of Madison County" haben mich zu Tränen gerührt. Aber das hier war doch noch mal etwas anderes: Über fünfzig Stunden und genau 63 Folgen lang hatte ich Anteil genommen am Schicksal der Familie Fisher, hatte über sie, ihre Angehörigen und Freunde gelacht, mich über sie geärgert, um sie gefürchtet, für sie gehofft. Einen solchen Aufwand an Empathie und Identifikation hatte mir davor noch kein Kunstwerk abgerungen, geschweige denn eine Fernsehserie. Letztendlich war ich der Illusion verfallen, die Fishers gehörten irgendwie zu meinem Leben. Menschen, denen es genau so gegangen ist, werden die Verzweiflung verstehen, die mich während "Ecotone", Episode neun der fünften Staffel von "Six Feet Under" erfasste.1

Die Verlusterfahrung hatte zum einen natürlich mit dieser einen Person zu tun (keine Angst, mehr wird hier nicht verraten!), aber auch damit, dass nun der beste TV-Roman aller Zeiten an sein Ende gekommen war. Ich spreche lieber von "Roman" als von "Serie", zum einen, weil ich mich auf die fruchtlose und unzumutbare Debatte "The Simpsons" vs. "Six Feet Under" gar nicht erst einlassen und weil ich, zum anderen, jene epische Dimension hervorheben möchte, die "SFU" tatsächlich von den "Simpsons" oder anderen grandiosen Serien wie "Malcolm in the Middle", "The Office" oder "Extras", ja sogar den "Sopranos" unterscheidet. Wenn Daniel Kehlmann in seiner "Simpsons"-Apologie den Umstand hervorhebt, dass dem Zuschauer die Figuren "präsenter sind als so manche Freunde und Familienmitglieder. Ein Effekt, den man von großen Romanen kennt"2, so trifft das in noch viel höherem Ausmaß auf Brenda und Billy, Dave und Nate, Ruth und Claire, Rico und Vanessa und all die andern zu.

Fraglos haben die "Simpsons", die Kehlmann mit den Satiren von Swift und Bierce, den Erzählungen von Voltaire und Diderot, den Romanen von Gontscharow und Tolstoi vergleicht, mehr Esprit als die meisten Hervorbringungen der zeitgenössischen Hochkultur. Vor generellen Umwertungen, denen zufolge die "wahre" und "eigentliche" Kultur sich heute nicht mehr in Theatersälen oder zwischen Buchdeckeln, sondern im Fernsehen finde, sollte man sich aber hüten, auch wenn "TV-Serien" möglicherweise gerade dabei sind, den Fußball als hegemoniales Paradigma semidissidenter Intellektualität abzulösen.

Auch gegenüber den Anstrengungen der Cultural-Studies-Fraktion und ihren "Lektüren" ist eine gewisse Skepsis geboten. Der noch vor Ausstrahlung der fünften und letzten "SFU"-Staffel erschienene Sammelband "Reading Six Feet Under", in dem man viel von Transformation, Transgression und (De-)Konstruktion lesen kann, ist stark den Klischees akademischer Subversivität verpflichtet: Zuerst wird die ideologische Homogenität bestehender Identitätskonzepte behauptet und hernach nachgewiesen, wie in "SFU" deren Zerfall und Überschreitung thematisiert werde. Das ist nicht ganz falsch, mitunter aber auch ein bisschen beliebig. So wird das Haus der Fishers, deren Bewohner halt dort leben und arbeiten (sprich: Leichen einbalsamieren und aufbahren) einmal als "gothic setting" in der Tradition von Bates Motel aus Hitchcocks "Psycho" beschrieben, das andere Mal als "unconventional gendered space", als "feminisierter" Raum, der es Nate und Dave erlaube, Sensibilität und Mitgefühl zu wahrer brüderlicher Intimität zu entfalten. Hm. Und Herausgeberin Kim Akass beschreibt in ihrem Aufsatz Ruth Fisher einerseits als "the middle-aged post-menopausal mother", nur um wenige Seiten später die grandiose Folge "Life's Too Short" (I/9) zu zitieren, in der Ruth - bevor sie sich im Ecstasy-Rausch ihrem Lover Hiram hingibt - diesen auf die Gefahr hinweist, mit menstruierenden Frauen campen zu gehen (der Blutgeruch locke Bären an). Postmenopausal? Ähm.

Den nachhaltigen Erfolg, der "SFU" trotz der zunächst zurückhaltenden Reaktionen beschieden war, verdankt die Serie ja nicht einfach der vielzitierten "Subversivität", mit der "SFU"-Erfinder/Executive Producer Alan Ball und sein Team von sieben Autoren das Tabuthema Tod zum wöchentlichen TV-Ereignis machten, sondern der Subtilität, mit der ein Ensemble ganz exzellenter Darsteller den Figuren (und damit auch der Erzählung) Komplexität verliehen.

Die zugleich überkontrollierte und impulsive, schuldbeladene ("I'm a whore!") und selbstbestimmte, verklemmte und sexuell aktive Ruth Fisher, dargestellt von der wunderbaren Frances Conroy, wurde anfangs als bloße Karikatur rezipiert, als "Türmatte, auf der sich die Produzenten die Füße abstreifen" (Weny Lesser in The New York Times). Was für ein Irrtum! Gerade den Frauen wird ein ungeheures Spektrum an Entwicklung und emotionaler Amplitude zugestanden - neben Ruth noch Nates Geliebter Brenda (Rachel Griffiths) und vor allem Ruths Tochter Claire (Lauren Ambrose), die, retrospektiv betrachtet, so etwas wie die geheime Hauptfigur der Serie ist: Der Zuschauer erlebt sie in einer Lebensphase, in der sie sich vom desorientierten Teenager (ein Pleonasmus, ich weiß) zur jungen Frau entwickelt, ohne dass dieser über viele Drogen, psychisch instabile Liebhaber und egomanische Künstlerallüren führende Weg zur konventionellen coming of age-Story verkäme, an deren Ende dann die finale erwachsene Identität stünde.

Die Pointe von "SFU" besteht doch gerade in der Einsicht, dass das einzige, das wir eines früheren oder ferneren Tages mit Sicherheit erreicht haben werden, ein "post-vitaler" Zustand ist (um dann in den Erinnerungen und Fantasien, den Alb-und Tagträumen der Hinterbliebenen herumzuspuken wie Vater Nathaniel Fisher in den Köpfen der Seinen). Entwickelt "SFU" in den Todesfällen, die verlässlich jede Folge eröffnen, mitunter einen geradezu sadistischen Sinn fürs Makabre (ich sage nur: die tief hängende Ampel - "Crossroads", I/8), verfolgt sie in den großen narrativen Bögen eine ebenso realistische wie tröstliche, Nachsicht und Empathie heischende Demontage von Erlösungsfantasien: Erst ganz am Ende ist wirklich Schluss mit dem ganzen Geschlampe und dem Gebastel an Gefühlen, Identitäten, Beziehungen ...

Mit der fünften Staffel ist "SFU" an ihr unwiderrufliches Ende gelangt - da haben Allen Ball & Co wirklich Sargnägel mit Köpfen gemacht. Die Serie aber wird bleiben. Wir werden sie uns noch oft ansehen und darüber reden. Wir müssen über alles reden. Auch über die ganz schlimmen Sachen. Auch über "Ecotone". Aber ein andermal.

Klaus Nüchtern in FALTER 50/2006



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